Lüthi liest (im November): Lyrik im Abo II (Limbus Lyrik)

Als ich im Frühjahr mit dieser Kolumne begann, habe ich eine Standortbestimmung der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik versucht, anhand der bestehenden Abonnements in vier Lyrikverlagen (hier bitte). Wie es oft so ist, kaum versucht man eine Standortbestimmung, wird sie auch schon wieder überholt. Bei der Niederschrift im Mai wusste ich noch nicht, dass der in Innsbruck und Wien ansässige Limbus Verlag zur Feier des Welttags der Poesie am 21. März seine Lyrikveröffentlichungen nun auch im Abo anbietet. Dementsprechend, wie könnte es anders sein, hier ein erstes Korrigendum zur Lyrik im Abo. Ich bin mir sicher und hoffe insgeheim, dass weitere folgen werden. Und, ein zweites Korrigendum an dieser Stelle, der in den letzten Jahren pausierende gutleut Verlag ist mit sage und schreibe zehn neuen Büchern im Herbst/Winter 21/22 auferstanden.

In der Reihe Limbus Lyrik erscheinen sechs Bände im Jahr, drei pro Halbjahr. Herausgegeben von Erwin Uhrmann tragen sie in Form und Aufmachung das gleiche schmucke Kleid wie die Limbus Preziosen. Acht der neuesten Bände haben mich über die letzten Wochen begleitet und sollen hier dazu dienen, einen Umriss der Reihe zu zeichnen. Wobei klar sein muss, dass es bei einem Umriss bleiben wird, die Reihe ist zu divers, verschachtelt und vielfältig, um sie über einen Kamm zu scheren, ohne unnötig in Reduktionen zu zerfallen. Das liegt zu Teilen auch an der unterschiedlichen Qualität (und der Ansätze) der Texte, vom A bis Z durchgearbeiteten Gedichtband bis hin zur lockeren Sammlung findet sich alles im Programm.

Als erster Band liegt mir Planeten von Lukas Meschik in der Hand. Weil ich den Titel mag. Und irgendwo beginnen musste. Die von Meschik ersonnenen Planeten sind Stadtkosmonautika. Das lyrische Ich treibt als Flaneur durch die Stadt (wohl fast immer ist es Wien) und beobachtet sich massierende Pissoir-Nachbarn (so die Hoffnung), schlecht rasierte Glatzen und halb ausgetauschte Scheren. Diese Beobachtungen sind lakonisch (das sagt man doch, wenn man nicht so recht weiss, was man sagen will, trotzdem aber klug klingen möchte, oder?) und mit einem liebevollen Blick. Das ist meistens treffend, manchmal auch poetisch, oft aber auch etwas gar zu harm- und zahnlos.

Ganz anders funktioniert da der Band Wetter von Hermann Niklas. Niklas beschreibt Wetterphänomene in allen Facetten und mit allen Sprachmitteln, die nur denkbar sind. Diese sprachlich furiosen Zugänge zum Wetter sind aufregend, wobei trotz der Erregung das eine oder andere schiefe Bild auffällt. Spätestens wenn man sich aber ganz auf die Sprache des Autors einlässt, zerfallen diese Eindrücke. In diesem Leserausch erscheint er – wie ich mir vorstelle – den Lesenden als Merlin mit Rauschebart auf einem Felsen stehend, und wir dürfen ihm dabei zuschauen, wie er Wolkentürme und Platzregen herbeizaubert.

schlangengrüner Sensenmann
Rechenarbeit ist liegendes Gras
häutet sich langsam behält die Beschuppung
denn als Schnecken atmen wir durch Haut
am mit Asseln überzogenen Nagetierkopf
befestigen wir Klebstoff aus Strahlen
Habicht fliegt die Formation der Vögel
und in den Himmel rieselnder Schnee

(aus Hermann Niklas: Wetter)

Sprachlich mindestens ebenso bezaubernd sind die Gedichte von Timo Brandt. Brandt gelingt in Das Gegenteil von Showdown ein erstaunlicher Spagat. Die Gedichte sind oft verdächtig nahe am Kitsch – da wird das Universum auf Dächern angerufen, die Nacht steht zwischen den Hochhäusern und das Schöne bleibt unerreichbar. Wäre Brandt ein schlechterer Dichter, es wäre ein unsäglicher Band geworden, der das volkstümliche Bild vom dichtenden Menschen nur weiter verfestigen würde. Neben den Kitsch stellt sich aber eine virtuose Sprache, die den Band erdet und ihn mit der nötigen Komplexität versieht. Brandt wechselt gekonnt zwischen den Sprachebenen und switcht souverän zwischen den Formen hin und her.

Dass das Spiel mit dem Kitsch spannend, aber schwierig ist, zeigt Echos von Marcus Pöttler. In diesem mutigen Band hat der Autor ausschliesslich Liebesgedichte versammelt. Von vornherein ist also klar, dass er nicht ohne Kitsch auskommen wird, haftet dieser der besungenen (oder hier bedichteten) Liebe immer auch an. Oftmals geht hier das gewagte Spiel auf, anders als bei Brandt funktioniert der Spagat aber nicht immer gleich souverän respektive zerfällt er in Sprachhaspelei, die den banalen Grundantrieb zu vertuschen versucht.

Als Tiefpunkte erlebe ich die Gedichtbände decke weg von Stephan Eibel und Vom Kaputtgehen Isabella Krainer. Bei Krainer sind die Gedichte schlicht zu kurz, zu unausgegoren, um sie wirklich zu beurteilen. Eibel wiederum dichtet oft dialektal, leider aber auch relativ banal. Krainer versucht zwar, ein Narrativ über den ganzen Band hin zu entwickeln, was aber nicht ganz funktioniert. Auch Kirstin Breitenfellner entwickelt in ihren Gemütsstörungen getauften Sonetten ein zusammenhängendes Narrativ. Die Form des Sonetts wurde hier sehr frei interpretiert. Zwar bestehen die Gedichte durchgängig aus 14 Zeilen mit jeweils zwei Quartetten und Terzetten, jedoch sind die Gedichte nicht durchgängig gereimt und auch das Versmass wurde mal konsequenter, mal weniger konsequent umgesetzt. Kann man natürlich machen. Ich hätte dann wohl nicht Sonette auf den Band geschrieben. In Zeiten des freien Verses eine interessante Wahl. Was in Breitenfellners Gedichten wirklich gut funktioniert sind die Assoziationsketten, die sie entwirft. Das kulminiert im letzten Zyklus des Bandes (conditio personae), in dem die Themen des Bandes zusammengeführt und die Bedingungen menschlichen Seins herausgearbeitet werden:

die menschen sind planeten

sie stoßen an sich ab

(Aus Kirstin Breitenfellner: Gemütsstörungen)

Der letzte Band, der mir in die Hände kommt, sind die Investitionsruinen von Jana Volkmann. Erschien mir irgendwie passend. Und das Skelett ist auch schon mit auf dem Cover. Zudem ist es der einzige Band der Reihe, der auch illustriert wurde (wunderbar von Jörn P. Budesheim). Im Band nimmt uns Volkmann mit auf kleine und grosse Reisen nach Feldkirch, zu Investitionsruinen oder in die Traumlandschaften von Walen. Die Autorin lässt Cello spielende Meteorologen zu Raumfahrern werden und lyrische Ichs ganze Gläser Honig zwecks innerer Aushärtung trinken. Die von ihr entworfenen Bilder sind absurd, vielfältig und überraschend. Sprachlich ist der Band, blickt man genauer hin, erstaunlich simpel. Was auf den ersten Blick überhaupt nicht erkennbar ist, weil die Gedichte von einem Hauch Magie durchsetzt wirken. Die Autorin schafft also in einfacher Sprache bezaubernde Poesie.

Katharina
es sind ja schon ganze planeten
durch flecken auf der linse meines teleskops entstanden
sie tragen die namen gewöhnlicher frauen
elisabeth katharina und rosemarie
sie rühren sich keinen millimeter
die sonne ist ihnen gleichgültig
und keine sonde nimmt proben
von der beschafffenheit ihrer haut

(aus Jana Volkmann: Investitionsruinen)

Was für mich an der Reihe Limbus Lyrik heraussticht, ist die Bereitschaft zum Experiment. Ein solches wird – zwangsläufig – nicht immer gelingen, aber die Reihe profitiert davon. Weil die Bandbreite dadurch zunimmt und weil Mutigsein sich irgendwann immer lohnt. Verschiedenste Zugänge zur Sprache, zur Dokumentation, zu lyrischer Verarbeitung von Erlebtem haben in der Reihe Platz und finden darin einen sehr ansehnlichen Ausdruck.
Gerade für Entdeckungsfreudige gibt es hier viele neue (nicht junge (mit Ausnahme von Timo Brandt, der als Einziger einen 90er-Jahrgang hat), aber etwas weniger bekannte) Stimmen, die interessante, spannende Zugänge zum Gedicht präsentieren. Auch der fünfte deutschsprachige Verlag, der ein Lyrikabo anbietet, zeigt, der zeitgenössischen Lyrik geht es ausgezeichnet.

Dank an Nick Lüthi von BookGazette

  • Hier gehts zum Abo der Reihe Limbus Lyrik

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