Nachgefragt: der Ulrike Helmer Verlag

Heute geht es in unserer Reihe Nachgefragt: um eine gelungene Verlagsübernahme. Doris Hermanns hat sich dafür mit Sina Hauer unterhalten, die direkt nach der Uni in den Frauenverlag eingestiegen ist und ihn nun von Ulrike Helmer übernommen hat, die sich nach 35 verdienstvollen Jahren des Büchermachens aus dem Verlag verabschiedete, und mit ihm nach Sulzbach am Taunus gezogen ist. Und nun dort „Klamotten fürs Hirn“ produziert. Wir freuen uns darüber.

Jungverlegerin Sina Hauer (Foto ©Philippe Käsler)

Doris Hermanns: Sina, du hast gerade den Ulrike Helmer Verlag, den ältesten noch existierenden Frauenverlag in Deutschland übernommen. Dazu erst einmal herzlichen Glückwunsch! Es freut mich sehr, dass es den Verlag weiter geben wird – anders als die Frauenoffensive, die leider keine Nachfolgerinnen gefunden hat. Wie kam es zu der Übernahme?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Als Ulrike Helmer nach 35 Jahren unabhängiger Verlagsarbeit entschied sich zurückzuziehen, stand für mich fest: Dieser Verlag darf nicht wie viele andere von Frauen geführte Unternehmen, Organisationen oder auch Frauenprojekte und -stiftungen verschwinden. Und obwohl es mich nie in die Selbstständigkeit gezogen hat, musste ich nicht lange überlegen, als die Frage nach der Übernahme im Raum stand. Der Wechsel selbst war sehr schön: Es gab keinen Termindruck und ich kannte die Verlagsautor*innen und Geschäftspartner*innen bereits und sie mich. Angefangen hat meine Zeit im Ulrike Helmer Verlag übrigens vor acht Jahren, als ich frisch von der Uni im Verlag anrief und fragte: „Nehmen Sie Praktikantinnen?“ Ulrike Helmers trockene Antwort: „Nein.“ Zum Glück ließ sie sich rasch vom Gegenteil überzeugen. Ich habe viel bei ihr gelernt über die Buchbranche, das Verlagswesen und Frauengeschichte und bin ihr sehr dankbar.

Stimmt, du hast schon seit einigen Jahren als Lektorin im Verlag gearbeitet. Bei einer Übernahme stellt sich natürlich als Erstes die Frage: Wie wird es weitergehen?

Wichtig war mir, den Verlag nicht als One-Woman-Show zu führen. Der Austausch ist im Verlagsalltag unendlich wertvoll, wichtige Entscheidungen treffen wir immer im Team. Mein Glück: Helmer-Autor*innen sind vielfach begabt! In Julia Hoch, Autorin des Romans LebensWende, habe ich eine inspirierende, kluge und gut ausgebildete Verlagskomplizin gefunden. Wir haben den Kopf voller Pläne und Ideen für die Zukunft. Das reicht von einer neuen Verlagssoftware über den Ausbau der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu Übersetzungsprojekten, mit denen wir internationale Frauenstimmen für den deutschsprachigen Raum zugänglich machen möchten.

Gefolgt von der Frage, ob du irgendwelche grundlegenden Änderungen planst?

Der Ulrike Helmer Verlag publiziert seit 35 Jahren feministisch und unabhängig Bücher zu Geschlechtergerechtigkeit, Meinungsfreiheit, Demokratie und Vielfalt. Gesellschaftliche Freiheit setzt insbesondere die Freiheit von Frauen voraus, deshalb steht die Vielfalt ihrer Lebensverhältnisse im Mittelpunkt des Programms. Es wird keine grundlegenden thematischen Änderungen bei uns geben, solange zum Beispiel Autorinnen immer noch seltener verlegt und besprochen werden als Autoren, Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, Mädchen weniger Chancen haben als Jungen. Unsere Bücher stehen für den Wunsch nach einer gerechteren Verteilung und für mehr Selbstbestimmung für alle. Sie sind unser Beitrag für eine fairere Gesellschaft.

Wie arbeitest du? Alleine oder mit Honorarkräften?

Neben meiner festen Angestellten arbeite ich auch mit Externen zusammen, unter anderem mit freien Übersetzer*innen, eher selten mit freien Setzer- und Layouter*innen und natürlich mit unseren wunderbaren Vertreter*innen. Der Großteil der Verlagsarbeit bleibt im Haus, wie zum Beispiel das Lektorat. Das betreiben wir pingelig nach dem Vier-Augen-Prinzip und wird von unseren Autor*innen sehr geschätzt.

Der Verlag hat 1987 mit der edition klassikerinnen angefangen, also Autorinnen wie beispielsweise Fanny Lewald, Olympe de Gouges und Johanna Kinkel. Diese sind zwar bis heute noch lieferbar, aber weitere Neuauflagen von Klassikerinnen kommen nicht mehr dazu?

Dass es die edition klassikerinnen gibt, ist wunderbar und war damals definitiv notwendig. Heute sind Originaltexte in Gänze im Internet kostenlos abzurufen, Neuauflagen sind deshalb leider nicht mehr geplant. Unsere alten Schätzchen halten wir aber so lange wie möglich lieferbar.

Überhaupt hat sich das Programm ja in den letzten Jahren sehr verändert, weg von zahlreichen wissenschaftlichen Titeln hin zu mehr Belletristik, vor allem Lesbenliteratur. Gibt es für dich einen Schwerpunkt im Verlag?

Der Schwerpunkt liegt heute eindeutig auf der Belletristik, „Lesbisch lesen“ ist mittlerweile eine zentrale Kategorie des Verlags. Unsere Autorin Carolin Schairer veröffentlicht im August ihren zwanzigsten lesbischen Liebesroman. Gleichzeitig zeichnet den Verlag auch heute noch der Spagat von Belletristik zu Sachbuch, Biografien und Wissenschaft zu feministischen Themen aus. So erscheint im aktuellen Programm neben Maiken Brathes Roman Klaus muss raus über eine Late Bloomerin und ihr Coming-out auch der zehnte Band der wissenschaftlichen Hochschulreihe Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft und das Sachbuch Lockdown-Welten, in dem Frauen über ihre Erfahrungen und Probleme während der Pandemie berichten.

Welche Rubriken gibt es noch im Verlag? Und welche davon sollen weitergeführt werden?

Unsere Sachbücher greifen soziale, politische oder psychologische Fragen auf. Biografien berichten von Frauen, die nicht unbedingt prominent oder rundum vorbildhaft sein müssen, um zum Nachdenken zu bringen. Seit 2013 publizieren wir Spannungsliteratur unter dem Label CRiMiNA. Da geht es weniger um Blutrausch als um psychologische Abgründe und komplexe Lebensumstände. Im Krimi können gesellschaftliche und politische Themen bekanntlich sehr gut behandelt werden, es geht um Aufklärung. Wie zum Beispiel in den von Isabel Rohner eigens erfundenen „feministischen Kicherkrimis“, in denen sie patriarchale Strukturen auch im Kultur- und Literaturbereich aufdeckt und anprangert – und das mit viel Humor!

Welche Themen stehen für dich derzeit an? Zu welchen möchtest du in der nächsten Zeit gerne Bücher veröffentlichen?

Die Themenwahl überlasse ich gerne den Autor*innen, die uns immer wieder mit außergewöhnlichen Ideen und spannenden Konzepten überraschen. Meine Aufgabe ist es dann, diese Projekte zu sichten, in Bücher zu verwandeln und in die Welt zu bringen.

Dank an Doris Hermanns und Sina Hauer vom Ulrike Helmer Verlag!

Wir freuen uns über eine Unterstützung unserer Autor:innen!

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