Hotlist-Kandidat: Roman Israel: Nektar Meer (edition überland)

Buchseite aus Nektar Meer (sentafoto)

Wenn es da heißt, „An den Grenzen der Wahrnehmung blühen fantastische Blumen“, muss sich wohl jeder Blumenmensch auf etwas gefasst machen. Das liebliche Zitat, es stammt von Schopenhauer, steht zu Beginn des Romans Nektar Meer von Roman Israel, der durchzogen ist von Bob Salas matten, tiefgründigen Fotografien des Rohen, Unschönen, Grenzseitigen. Mehr fantastische Blüte in so einem künstlerischen Zusammenspiel geht gar nicht. Israels dritter Roman ist nach diversen Vorgängerbüchern (u. a. Caiman und Drache im Luftschacht Verlag, 2014) und zahlreichen Veröffentlichungen hier und da jetzt in der sehr jungen edition überland aus Leipzig erschienen, die aus Nektar Meer wirklich ein vollendet schönes Buch gemacht hat.

Die Realität ist schlimm und gemein. Da braucht es schon ordentliche Trommelschläge – ja, in dem Roman wird viel getrommelt –, um Ordnung in Gut und Böse zu bekommen. Was aber, wenn diese Kategorien außer Kraft gesetzt sind, alle sowieso machen, was sie wollen, und nicht ganz klar ist, wer denn der Weltenlenker ist? Wenn die gute Sache gar nicht so gut ist, wie sie sich verkauft, und gesellschaftspolitische Machenschaften von krimineller Energie geleitet sind? Mesalliancen die Geschicke des Alltags bestimmen? Es ist also trüb, Zeit für Heldentaten im Doppelpack. Film und Literatur sind voller berühmter Duos.
Nun also Henri und Lenin im sterbenskomischen wie entrückt-scharfsinnigen Nektar Meer, zwei Typen in ihren Dreißigern, „zwei Hornochsen“ und „Flachzangen“, die Israel in Berlin losschickt über Prag bis nach Polen und an die Ostsee zum Was-auch-immer. Sie sind selbst keine Heiligen, aber Schlitzohren und alsbald mit Haut und Haar ins Mafiöse verstrickt. Aber richtig echte Komplizen sind sie, mit verschlungenen Herkünften, verbunden schon seit Kindertagen, und Sympathisanten im Geist. „Ein bisschen Flunkern gehört dazu. Wir kämpfen für eine gute Sache.“ Welche das ist, steht im Buch. Es ist kurz gesagt die Zeit der Fluchtkatastrophen, des Menschenhandels unter dem Deckmantel der milden Wohltätigkeit, des Liebäugelns der Unterwelt mit der Politik und andersrum. Dabei ist es schon Aufgabe genug für die beiden, ihr eigenes vermurkstes Leben zu retten. Dauerpalavernd begeben sie sich auf Mission – standesgemäß in einem feschen MZ-Motorradgespann.

Nachdem auf den ersten Seiten des Buches portionierte Hinweise auf Voodoo-Zauber, den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland gestreut werden, später eine gewisse Mondanbetung und Drogen das Wahrnehmungs- und Erlebnisspektrum der illustren Charaktere erweitern (samt großzügiger Abhandlung über LSD), dürfte die kunstfertig angelegte, vernebelte Schlagseite der Geschichte klar sein. Zugleich macht sie auch ihren großen Reiz aus, knappe vierhundert Seiten lang.
Der hochtourige Rhythmus, das Rasante, Trommelwirbelige des Textes drängelt ihn gut vorwärts. Dabei passiert es freilich, dass man über Redundanzen stolpert und zig unnötige Infinitivkonstruktionen mit „zu können“ („Das sind Parasiten. Die kommen nur zu dir, um sich bei dir zudröhnen zu können. Kostenlos!“). Mit seiner lebhaften, unverblümten Sprache, dem Dialogtempo, dem offenen und hintergründigen Witz hat es Israel in seinem Buch auf Bullshit-Klischees abgesehen, die er mit den Mitteln der Satire zerlegt.

Zurück zu Henri und Lenin, die unterwegs sind. Sie haben einen Auftrag. Es kann nur abenteuerlich und schlimm werden. Früher haben sie in synthetische Drogen, dann in Legal Highs gemacht, Vollprofis in Geldübergaben sind sie nicht, aber das steht ihnen jetzt bevor. Ihnen sitzen ihre Bossin und deren menschliche Kläffer im Nacken.

Zu spät, in diesem Moment poltert Tschaika auch schon los. Sie beschimpft die beiden. Bettnässer, Vollpfosten, Schwachstromelektriker seien sie.

Das ist gemein. Eigentlich haben es die beiden am liebsten chillig und trommeln. Sie schaffen es sogar, ein weiterer Erzählstrang, mit ihrer Musik die radikale Loslösung der sauberen Frau eines unsauberen Politikers zu befeuern. Auf der Sonnenseite stehen sie trotzdem nicht. Aber sie kriegen hiermit sämtliches Mitgefühl, im Leben gehen einfach Dinge schief. Henri ist aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe von Rassismus geprägt, ein melancholischer Verzweifelter mit Galgenhumor. Verzweifelt deshalb, weil er aufgrund von Vorstrafen aktuell seine kleine Tochter nicht sehen darf. Ein Grund, ein paar Mal richtig auszuticken. Lenin gilt als „in manchen Dingen etwas merkwürdig“, „naturirre“, aber mit großer Katzen- und Mutterliebe, der täglich mit der Apokalypse rechnet. Ein bisschen ein liebenswertes Kind.

Der Auftrag artet schließlich aus zu einem halluzinatorischer Verfolgungsritt, die Berge rauf und runter im Nirgendwo, in Nebel rein und wieder raus, wo „Raum und Zeit negiert werden“. Henri und Lenin werden selbst zu Gejagten, die Handlung schlägt Volten und sie verlieren sich aus den Augen. Es geht dabei nicht unbrutal zu.

Er verschmilzt mit den Schwaden, der Nebel hüllt ihn ein und die Welt, die Sorgen, seine Nöte, alles fällt von ihm ab. Er atmet tief ein, die Dinge, lass sie passieren, wie sie passieren, denkt er. Warten. Atmen. Schweben. Sich dem Schicksal hingeben. Sei einfach, wie du bist.

Falls man also lesen will, wie Spitzen noch weiter auf die Spitze getrieben werden können, dann bitte: Nektar Meer. Ein hochpolitischer Roadtrip, der im tiefen Morast landet und vom Wert, Selbstwert und den Rechten des Menschen erzählt. Aber auch flirrend von Krokodilen und Göttern.

Senta Wagner

  • Roman Israel: Nektar Meer. Mit Fotos von Bob Sala. Leipzig: edition überland 2022. 384 Seiten. Hardcover, 19,5 × 13 cm. 26,80 Euro.

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