Hotlist 22: Wallace Thurman: The Blacker the Berry (ebersbach & simon)

In seinem 1929 erschienenen Debütroman erzählt der US-amerikanische Autor Wallace Thurman (1902–1934) die Geschichte von Emma Lou. Schon auf der ersten Seite fällt der Satz, der bestimmend sein wird für das Leben der jungen Frau:

Nicht dass es ihr grundsätzlich etwas ausmachte, eine Schwarze zu sein, was natürlicherweise eine dunkle Hautfarbe mit sich brachte, aber es machte ihr etwas aus, viel zu schwarz zu sein.

Damit wird sie zur Außenseiterin, selbst in ihrer eigenen Familie, in der zwar niemand „weiß“, aber doch die meisten „halbweiß“ sind:

Für die Menschen ihres unmittelbaren Umfelds war es selbstverständlich, sich über jede schwarze Person lustig zu machen, jeden schwarzen Gegenstand zu verunglimpfen. Ein schwarzer Kater war der Unglücksbote, der Trauerflor war schwarz, und schwarze Menschen waren bestenfalls die typischen Darkys in Varieté-Nummern oder eben die bösen Schwarzen mit giftig-dunklem Zahnfleisch.

Emma Lou gelingt es schließlich, sich aus der Enge der provinziellen Heimatstadt in Idaho zu befreien, zunächst geht sie zum Studium an die Westküste, doch auch dort gibt es einen Rassismus, der nicht nur People of Color im Allgemeinen, sondern in einem besonderen Ausmaß die „tiefschwarze“ Emma Lou trifft.

Schließlich scheint ein Umzug nach Harlem ein geeigneter Ausweg zu sein: Emma Lou meint, dort den Zuschreibungen von Hautfarben und ihren Folgen entfliehen zu können. Zunächst arbeitet sie als Sekretärin, dann in einem Varieté, wo sie einer Schauspielerin, die eine Schwarze darstellt, „beim Wechseln von Hautfarbe und Kleidern“ assistiert. Thurman beschreibt eine Klassifizierung nach unterschiedlichen Schattierungen der Hautfarbe, die selbst im Harlem der 1920er-Jahre, wo der Roman spielt, entscheidend ist für das berufliche Vorankommen und die Chance auf privates Glück.

Denn die dunkle Hautfarbe erschwert nicht nur die Arbeitssuche der Protagonistin, auch Männer – People of Color – in Harlem und anderswo interessieren sich selten für sie. Immer wieder lässt sich Emma Lou Hals über Kopf auf Männer ein, die sie lediglich gnadenlos ausnützen und sich von ihr aushalten lassen. Unglücklich sind leider die klischeehaften Schilderungen der erotischen Begegnungen:

Der Mann, der neben ihr ging, zog sie magnetisch an, ließ sie die Freude an seinem Körper spüren, erweckte in ihr das Verlangen danach, dass sich ihre Lippen und Zungen berührten. Es kostete sie große Anstrengung, ruhig an seiner Seite zu gehen, denn in ihrem Inneren brodelte ein intensives Drängen und Wünschen.

Abgesehen von solchen stilistisch weniger erfreulichen Passagen ist The Blacker the Berry ein wichtiges Buch der Harlem Renaissance, ja vielleicht sogar ein Schüsselroman jener Bewegung afroamerikanischer Künstlerinnen und Künstler, die zwischen 1920 und 1930 einen wesentlichen Einfluss auf die US-amerikanische Literatur und den intellektuellen Diskurs jener Zeit ausübte.

Wallace Thurman schildert die inneren und äußeren Kämpfe der Protagonistin und die rassistischen Strukturen, innerhalb derer sie ihren Daseinskampf führt. Sehr lange lässt er Emma Lou verloren durchs Leben stolpern, bis ihr, ganz am Ende der Geschichte – als Leserin kann man es kaum erwarten – endlich doch ein Befreiungsschlag gelingt.

Dass The Blacker the Berry erstmals in deutscher Fassung vorliegt, ist dem Berliner Verlag ebersbach & simon sowie der kundigen Übersetzung aus dem Amerikanische von Heddi Feilhauer zu verdanken. Sie ergänzte den deutschen Text auch um Anmerkungen zu den „Selbstbezeichnungen der Hautfarben“ sowie um ein Glossar, um zu erläutern, warum in gewissen Kontexten – etwa in direkter Rede oder Gedankenrede – auch Wörter mit pejorativer Bedeutung verwendet und nicht ersetzt wurden.
Lesenswert ist jedenfalls auch das Nachwort von Karl Bruckmaier, das die historischen Hintergründe erklärt und die hoffnungsfrohe Aufbruchstimmung der Harlem Renaissance schildert, die allerdings schon kurz nach Erscheinen des Romans wieder vorbei war.

Dank an Beate Kniescheck

  • Wallace Thurman: The Blacker the Berry. Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer. Berlin: ebersbach & simon 2022. Hardcover, 224 Seiten, 12 x 19 cm. 22 Euro

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