Hotlist-Kandidat: Wlada Kolosowa: Der Hausmann (Leykam Verlag)

Tim und Thea sind ein junges, unverheiratetes, kinderloses Paar. Kurzfristig werden sie aus ihrem bisherigen beschaulichen Stadtteil von Berlin herausgentrifiziert und ziehen nach Neukölln, wo die Mieten für sie gerade noch erschwinglich sind. Die Rollenverteilung der beiden entspricht nicht dem in Deutschland üblichen Bild, hier verdient sie das Geld, während ihm neben dem Schreiben und Illustrieren einer Graphic Novel ohne Weiteres Zeit bleibt für den Haushalt. Als Thea immer mehr von ihrem Job in einer Werbefirma vereinnahmt wird und Tim zu vereinsamen droht und sich unterfordert fühlt, knüpft er Kontakte in der sozial benachteiligten – und wie er bald feststellen muss auch kriminellen – Nachbarschaft.

„Ich bin der neue Nachbar. Fünfter Stock.“ Ich deutete mit dem Finger nach oben, eine völlig überflüssige Geste, für die ich mich gleich schämte.


Wlada Kolosowa
veröffentlicht mit dem Roman Der Hausmann (mit Graphic Novel) bereits ihr viertes Buch, ihr erstes allerdings bei Leykam, einem altehrwürdigen österreichischen Verlag mit über vierhundertjähriger Geschichte, der jetzt aber literarische Funken sprüht.
In den Werken und Kolumnen der Schriftstellerin und Journalistin Kolosowa spielen immer auch ihre Heimat Russland und soziale Themen Osteuropas eine Rolle. Die seit 1999 in Deutschland lebende Autorin kam in Sankt Petersburg zur Welt.

Schon die Covergestaltung und der Hinweis auf den in Berlin lebenden Illustrator Raúl Soria ließ mehr hinter dem knallgelben Äußeren vermuten. Und tatsächlich fand ich keinen „normalen“ Roman vor. Tim erzählt in der Ich-Perspektive von allem, was ihn betrifft – seinen Ängsten und Sorgen, seinen Aktivitäten. Er ist die Hauptfigur und wirft auch einen Blick auf die Menschen um ihn herum. Er ist aufmerksam und fühlt sich schnell verantwortlich. Nun ist bei dieser Perspektive jedoch alles außen vor, was Tim nicht sieht, hört, fühlt.
Wlada Kolosowa hat daher die anderen Figuren auf eine sehr individuelle Art zu Wort kommen lassen, per Chat mit der besten Freundin, als Beiträge in einem Blog für Spartipps, als Aufsatz für die Nachhilfe in Deutsch. So lassen sich Handlung und Charaktere aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Das war für mich in dieser Form bisher einzigartig umgesetzt und ein ganz besonderes Leseerlebnis. Die unterschiedlichen Schreibstile sind so passgenau auf die Figuren zugeschnitten, dass die wenigen Figuren des Buches vor einem auferstehen. Und indem ich sie so nah erlebte, entwickelte ich eine tiefe Sympathie für den zusammengewürfelten Haufen und habe mich berührt gefühlt von dem, was sie ihr Leben nennen, was sie ausmacht, was sie mit sich herumtragen.

Wann haben wir in der Realität schon die Möglichkeit, in andere Menschen hineinzusehen? Auch Tim schafft es nur bedingt, obwohl er zuhört und Hilfe anbietet. Aber teils aus Trauer oder aus Scham bleibt manches ungesagt. Wir machen uns stetig einen Reim auf das Verhalten und die Intentionen fremder Menschen. Anhand der multiperspektivischen Sichtweise reibt uns die Autorin stereotype Vorurteile, die es auf allen Seiten gibt, unter die Nase und zeigt, dass oft hinter der Fassade eines Hauses ebenso wie hinter den Fassaden der in ihm lebenden Menschen vieles verborgen bleibt. Kolosowa schreibt all das in einer wunderbaren Sprache, klar und pointiert, und findet ebenso humorvolle wie tiefgründige Worte für die Bewohner des Hauses, das beispielhaft für andere steht.

Es bleibt erstaunlicherweise noch ein großer Interpretationsspielraum in dieser wahrhaft vielseitigen Geschichte. Die Krönung dabei – hier komme ich wieder auf Raúl Soria zurück – ist die Graphic Novel, an der Tim schreibt, denn sie ist in ihrem Entstehen in größeren Abständen in die einzelnen Kapitel montiert. Das habe ich so auch noch nie gesehen und regelrecht als vervollständigend empfunden. In ihrer Einfachheit ist eine tiefe Metaphorik, die alle Stile und Perspektiven des Buches unterstreicht und als Sozialstudie, Milieustudie und Beziehungsstudie abrundet.

Dank an Julia Moldenhauer

Wlada Kolosowa: Der Hausmann. Illustriert von Raúl Soria. Graz/Wien: Leykam Verlag 2022. Hardcover, 13 x 20,5 cm. 320 Seiten. 24,50 Euro

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