Hotlist-Kandidat: Djaïla Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen (Orlanda Verlag)

Djaïla Amadou Amal erzählt drei erschütternde Geschichten von Frauen, die gezwungen werden, sich einer zerstörerischen patriarchalen Ordnung zu unterwerfen. Gleich zu Beginn des Romans wird von ihnen die titelgebende Geduld eingefordert, die von ihnen erwartet wird, um selbst grausame physische und psychische Gewalt ertragen:

„Geduld, meine Töchter! Munyal! Das ist alles, was zählt: in der Ehe wie im Leben. (…) Schreibt euch das ins Herz, wiederholt es immer wieder im Geiste! Munyal – vergesst das nie!“, mahnt meint Vater.

Es sind miteinander verwobene Perspektiven dreier Frauen, die im Norden Kameruns als muslimische Fulbe leben. Ihr Alltag ist nach der Zwangsverheiratung von physischer und psychischer Gewalt geprägt. Die Autorin schildert anhand der fiktiven Protagonistinnen Ramla, Safira und Hindou eine traurige Realität, in der es um Vergewaltigungen in der Ehe und den zermürbenden Alltag in einem polygamen Haushalt geht. Sprachlich wechselt der von Ela zum Winkel aus dem Französischen übersetzte Roman zwischen poetischer Zartheit und Passagen, die sich eines direkten, fast journalistischen Stils bedienen:

Als ich neben ihm im Bett liege, vergewaltigt er mich zum Trost und erklärt mir, es sei meine Schuld, wenn er mich schlage, irgendwie würde es mir immer gelingen, ihn rasend zu machen. Er rät mir, in Zukunft gewissenhafter zu sein, und erklärt noch, dass er mir vergibt.

Die Erzählstimme Hindous, die hier spricht, wurde mit ihrem Cousin zwangsverheiratet, obwohl in ihrer Familie die Drogenabhängigkeit und Gewalttätigkeit des Mannes bekannt war. Ihre Halbschwester, die junge Ramla, die denselben Vater, aber im polygamen Haushalt eine andere Mutter hat, wird ebenfalls als Teenager-Mädchen zwangsverheiratet. Sie soll als Zweitfrau eines mehrere Jahrzehnte älteren, sehr reichen Mannes die Beziehungen zwischen ihrer Familie und jener ihres Ehemanns stärken. Die dritte Perspektive, der der Roman folgt, ist jene von Safira. Erschüttert von der Entscheidung ihres Manns, Ramla zur Zweitfrau zu nehmen, tut die Mittdreißigerin Safira alles, um der viel jüngeren und gebildeteren Konkurrentin das Leben schwer zu machen

Die Geduld, „Munyal“, die immer wieder eingefordert wird, ist das Motiv, das sich durch dieses Buch zieht. Es ist eine literarisch geschaffene Welt, die, obwohl sie in einer muslimischen Gesellschaft spielt, auf ein Denken verweist, das auch in anderen Religionen relevant war und ist: die Idee, Frauen für das eigene Leid und das anderer verantwortlich zu machen.
Und so thematisiert dieses Buch nicht nur menschenverachtende Konventionen der muslimisch-fulbischen Gesellschaft, sondern auch die unheilvolle Wirkung eines Aberglaubens, der alles nur noch schlimmer macht: So wird selbst die Depression von Hindou, die unter der beständigen, brutalen Gewalt ihres Mannes zerbricht, der Frau angelastet:

Sie sagen, ich sei krank und solle mich ausruhen. Sie behaupten sogar, ich sei gefährlich. Der Dschinn, der in mir wohnt, muss männlich sein, denn ich ertrage den Anblick meines Mannes nicht mehr, genauso wenig wie die seltenen Besuche meines Vaters oder meiner Onkel. Dieser Dschinn muss verliebt in mich sein!

Die Protagonistinnen leiden nicht nur unter der Gewalt, die ihnen angetan wird, sondern auch unter grenzenloser Einsamkeit. Selbst von den eigenen Eltern wird ihnen persönliches Verschulden für ihr Leid angelastet. Bis auf wenige Ausnahmen eilt ihnen niemand zu Hilfe, nicht einmal die eigenen Mütter.

Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Djaïla Amadou Amal aus Kamerun wurde selbst im Alter von 17 Jahren mit einem deutlich älteren Mann zwangsverheiratet und ging nach der Scheidung eine zweite Ehe mit einem polygamen und gewalttätigen Mann ein, bis sie sich schließlich auch aus dieser „sehr harten Ehe“ befreite. Insofern kann man Die ungeduldigen Frauen als semi-autobiografisch verstehen, vor allem die Perspektive der gebildeten Ramla und ihrer Halbschwester Hindou.
Amal prangert in ihrem preisgekrönten Werk Gewalt gegen Frauen in all seinen Formen an und kritisiert das religiös begründete Denken und die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Gewalt ermöglichen.
Die ungeduldigen Frauen ist ein bedrückendes und verstörendes Dokument einer Realität, die für viele Frauen bis heute existiert. Aber es ist auch ein wichtiger Text, der hoffentlich dazu beitragen wird, die Welt zu verändern.

Dank an Beate Kniescheck

  • Djaïla Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen. Berlin: Orlanda Verlag 2022. 176 Seiten, Klappenbroschur. 18 Euro

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