Hotlist-Kandidat: Pico Iyer: Japan für Anfänger (Berenberg Verlag)

Foto (c) yamabon

Der erste Ausländer, der „seinen Fuß auf japanischen Boden gesetzt hatte“, war Luís Fróis, ein portugiesischer Jesuitenmissionar. Das war im 16. Jahrhundert. Er veröffentlichte „ein Buch, … in dem er sechshundertelf Punkte aufzählte, inwiefern Japan ein umgekehrtes Europa sei“. Der Publizist Pico Iyer wandelt mit seinem im Berenberg Verlag erschienenen Buch über Japan auf dessen Spuren: Es ist kein zusammenhängender Text, er könnte in etwa die gleiche Anzahl an einzelnen Mosaiksteinchen enthalten, mit denen er das Land, seine Menschen und Kultur charakterisiert. Jedes einzelne fügt dem Gesamtbild einen Eindruck hinzu, ohne Widersprüche zu scheuen oder den Anspruch zu erfüllen, jedes Rätsel zu lösen.

Pico Iyer kam 1957 als Sohn indischer Eltern in Oxford zur Welt. Er wuchs in England und Kalifornien auf, seit 32 Jahren lebt er nun in Japan und ist mit einer Japanerin verheiratet. Doch noch immer empfindet er sich als Anfänger:

Den Titel „für Anfänger“ habe ich nicht nur gewählt, weil sich das Buch an Anfänger richtet, sondern vor allem, weil es von einem geschrieben wurde. Das Leben in Japan hat mich gelehrt, öfter „ich frage mich“ zu sagen als „ich meine“. Die erste Regel für Ausländer in Japan lautet, nicht von dies-oder-das zu reden; die zweite lautet, nichts allzu ernst zu nehmen.

Seine vielen einzelnen Beobachtungen hat er in sechs Kapitel „fächerförmig“ gegliedert, die ihrerseits thematisch unterteilt sind. Er widmet sich Straßen und Tempeln, steht am Schalter, blickt hinter verschlossene Türen oder aus dem Fenster, das letzte Kapitel reicht bis zum Horizont. Ein umfassendes Panorama also, vom Naheliegendsten und Privaten bis zum Universum – auch dieses wird in Japan anders gedacht als im Westen.
Das Land erscheint Iyer wie eine „Art lebendig gewordene Website, … aber niemand hat einem das Passwort gegeben“. So hält er sich mit Deutungen des Gesehenen zurück, denn wenn eines hier gewiss ist, dann die Ungewissheit. Er wählt stattdessen die Form der Beschreibung, will die LeserInnen zu eigenen „Erwiderungen anregen“. Das macht die Lektüre gleichermaßen spannend, lehrreich, nachdenklich und vergnüglich, denn Pico Iyer beschreibt offen und ohne Wertung.

So erlebt man beispielsweise die Lieferung einer Tastatur mit, die tiefe Einblicke in die japanische Mentalität gibt. Man erfährt, welche Bedeutung Geschenke und das perfekte Make-up haben. Lernt, dass Rituale keine sinnentleerten Gesten sind, wie sehr Klarheit („In Japan ist Leere der Luxus, der im Westen Größe ist“) und Bescheidenheit („Was du hast, ist alles, was du brauchst“) Teil der Identität sind. Man lernt Menschen kennen, die nicht auf der Suche nach einem individuellen Ausdruck sind, sondern sich als Stimme in einem Chor empfinden. Keine ragt heraus, würde sie jedoch fehlen, störte dies die Harmonie. Oder auch: „Den Schein zu wahren, … ist nicht das Gleiche, wie das Darunterliegende zu verleugnen. Es ist einfach eine Art, die Bedürfnisse des Ganzen über die des eigenen Ichs zu stellen.“ Immer wieder taucht das Wort Höflichkeit auf, sie ist ein tragendes Fundament und kann gar nicht überschätzt werden.

Wie ein Reiseführer, der nicht müde wird, sein Wissen und seine Eindrücke zu teilen, kleine Geschichten, die aus wenigen Zeilen bestehen können, zu erzählen, auf Widersprüche hinzuweisen, die Ansichten Japans mit denen der westlichen Welt zu vergleichen, sie einander gegenüberzustellen, nimmt der Autor die Lesenden mit auf eine Entdeckungstour durch ein vielfältiges Land. Dabei wird nicht zuletzt klar, woher der im Westen als krass empfundene Widerspruch zwischen Tradition und Supermoderne rührt.
Den Schlusspunkt setzt der „Brief eines Freundes“. Der japanische Maler schreibt nach der Lektüre von Pico Iyers Buch über sich selbst, seinen Vater und ein erschütterndes Erlebnis in Nagasaki. Er endet mit den Worten: „Ich danke Ihnen, dass es Sie gibt.“
In der Tat, man kann nur dankbar sein für ein solches Buch. Die Spiegelwelt Japan, heute noch in vielen Bereichen ein „umgekehrtes Europa“, so facettenreich dargestellt zu sehen, weitet und verändert auch die Sicht auf die eigene Welt.

Dank an Petra Lohrmann

  • Pico Iyer: Japan für Anfänger. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Berlin: Berenberg Verlag 2022. 224 Seiten, Halbleinen, 134 x 200 mm. 24 Euro

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