Hotlist 22: Atsuhiro Yoshida: Gute Nacht, Tokio (cass verlag)

Foto (c) Peter Hempel

Viele reden immer über diese besondere Stunde nach Mitternacht, auch Geisterstunde genannt. Doch was passiert danach? In der Zeit nach ein Uhr? Ist diese nicht auch besonders, gerade in Städten wie Tokio, die niemals zu schlafen scheinen? Genau dieser Zeit nimmt sich der Roman Gute Nacht, Tokio des japanischen Book Designers und Schriftstellers Atsuhiro Yoshida aus dem cass verlag an – denn er spielt nur nachts. Jedes Kapitel beginnt exakt um ein Uhr und handelt während der Spanne, in der die Nacht am dunkelsten ist bis hinein in die frühen Morgenstunden. Dementsprechend sind die Figuren sehr skurril gezeichnet und benehmen sich auch teilweise wie Nachtschatten. Es sind Charaktere, die am Tag gar nicht zurechtkommen würden. Vielmehr sind es Menschen, die ihren Rhythmus an die Nacht angepasst und sich in dieser eingerichtet haben. Ihnen gibt Yoshida eine Bühne und beschreibt sie in einem wirklich berührenden Ton.

Im morgendlichen Zwielicht lernen wir etwa die Requisitenbeschafferin Mitsuki kennen, die von ihrem Vorgesetzten immer die komischsten Aufträge bekommt. Eine Biwa-Frucht soll sie besorgen, die es in Tokio um diese Jahreszeit garantiert nicht im Supermarkt zu kaufen gibt. Und doch macht sie sich mit dem Nachttaxifahrer Matsui auf die Suche, in Gedanken dem Heiratsantrag ihres Freundes nachhängend und verzweifelt versuchend, den Ring vom Finger zu bekommen, was ihr im Zeitraum, in denen die Geschichten spielen, nie gelingen wird. Und doch werden sie durch Zufall fündig, weil sie bei einem Zwischenstopp einen Baum finden, der genau diese Früchte im reifen Stadium trägt und die gerade von Kanako Fuyuki gepflückt werden.

Die Uhr schlug eins.
Mitsukis trug sie am Arm, eine Wanduhr, und da sie schlug, bevor die anderen Uhren in der Lagerhalle schlugen, ging sie wohl vor. Wie um die Wette zeigten kurz darauf mit dumpfen, mit trockenen, mit hellen Schlägen auch die anderen Uhren ein Uhr an.

Kanako Fuyuki arbeitet bei der Telefonseelsorge, immer nachts. Sie bekommt den Auftrag von ihrem Chef, auf eine Telefonentsorgerin zu warten, da eine alte Sprachbox nicht mehr benötigt wird. Sie soll diese Person in Empfang nehmen und der Entsorgung wie einer Abschiedszeremonie beiwohnen.
In einer anderen Nacht steigt ein Mann namens Shuro bei Matsui ins Taxi ein und möchte zu einem Kino gefahren werden, in dem ein ganz spezieller Film läuft. Im Gespräch findet Matsui heraus, dass Shuro auf den Spuren seiner eigenen Vergangenheit ist und den ganzen Tag in Tokio herumlief, um alle Häuser abzugehen, in denen er je gewohnt hat. Der Film ist sozusagen der Abschluss dieses Tages und mit seinem Vater in der Hauptrolle besetzt, der sonst nur Nebenrollen spielte.
Matsui hat ein Lieblingsbistro, das er gerne besucht. Es ist das Drehkreuz für Nachtschwärmer, betrieben von vier Frauen, die allesamt vorher Bistros einer ähnlichen Art ihr eigen nannten. Eine dieser Frauen hatte in ihrem alten Bistro immer einen Stammgast, der sich letztendlich als Shuro herausstellt.
Herr Ibaragi besitzt einen Laden, in dem er Dinge verkauft, die eigentlich kaputt sind und die er unter einem neuen, kreativen Namen wieder verkauft. Sie müssen nicht mehr unbedingt ihren Ursprungszweck erfüllen, aber Herrn Ibaragi sind der Kreativität in der Namensfindung keine Grenzen gesetzt und so wird auch Mitsuki in diesem Geschäft für ihre Requisitenbeschaffung fündig, da Herr Ibaragi zufällig einen Erdnussknacker parat hat, den der Regieassistent dringend sucht.

Und so versammeln sich die eben beschriebenen und weitere verschrobene und normale Figuren in diesem Buch. Die Wege von ihnen kreuzen sich teilweise, es begegnen sich nicht alle gleichzeitig, aber doch laufen sich ein paar von ihnen regelmäßig über den Weg. Es gibt einige Konstanten in diesem Ensemble, die als Bindeglied fungieren, etwa den Nachttaxifahrer, das Drehkreuz, den Ring, der nicht vom Finger geht. Sie sind die Felsen in dem Strom an Erlebnissen, die einen Episodenroman ergeben, in dem erst nach und nach alles miteinander verbunden wird. Kapitel für Kapitel macht sich die Erkenntnis breit, dass die Geschichten mitnichten in sich abgeschlossen sind, sie beeinflussen sich vielmehr gegenseitig und die Figuren werden miteinander bekannt, bauen Beziehungen auf. Insgesamt entsteht so ein buntes Kaleidoskop an teils verrückten Szenen, die allesamt etwas von der Realität Entrücktes an sich haben, was sicher auch der nächtlichen Zeit geschuldet ist.

Schon ein Uhr morgens.
Wann ging sie ins Bett, wann stand sie auf? Wo begann der Tag, wo endete er? Da sie nachts arbeitete, wusste sie es nicht mehr.

Und so erinnert manche Begebenheit und manche Figur an die Romane des bekanntesten japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Allerdings muss an dieser Stelle gleich eingeschoben werden, falls der Name Murakami abschrecken sollte, dass in Gute Nacht, Tokio bei Weitem nicht so ausschweifend erzählt wird und trotz des Gefühls der Entrücktheit alles real bleibt, vielmehr wie ein Traum wirkt.

Auch die Stadt Tokio, die hier gänzlich bei Nacht erzählt wird, ist ein Mikrokosmos für sich, denn die Geschichten sind so eng verzahnt, dass einem Tokio gar nicht so groß vorkommt. Diese Stadt ist eine der größten Metropolen der Welt und übt trotz ihrer Hektik und technischen Kühle auf viele eine wahnsinnige Faszination aus. Jedoch wird hier eine andere Seite Tokios gezeigt, eine, die im Kleinen funktioniert und nicht die großen Neonlichter im Blick hat. Vielmehr werden Menschen porträtiert und in den Mittelpunkt gestellt, die nachts ihrer Wege gehen, zu dieser Zeit ihr Geld verdienen oder einfach nicht schlafen können und sich deshalb spezielle Beschäftigungen suchen.
In einer stark auf Vereinzelung angelegten Gesellschaft kommen diese Individuen letztendlich gemeinsam zur Lösung ihrer Probleme, und wir sehen ihnen dabei einen Augenblick zu. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Buch abrupt endet und nicht alle losen Fäden zu Ende gesponnen hat.

Murakami-Fans sollten bei diesem Buch unbedingt zugreifen. Aber auch diejenigen, die es etwas skurril mögen, die eine knackige, prägnante Sprache bevorzugen (wunderbar von Katja Busson übersetzt) und die an lustigen und richtig gut geschriebenen Dialogen Interesse haben. Worauf warten wir also noch – auf nach Tokio und ab ins Drehkreuz. Vielleicht treffen wir da auch auf eine Mitsuki, die uns von einem ungewöhnlichen Gebrauchtwarenladen erzählt, oder auf einen Matsui, der von seinem Traum erzählt, ein nachthimmelblaues Taxi fahren zu können, oder auf eine Kanako Fuyuki, die mit uns einen selbst gebrannten Biwa-Schnaps trinkt. Prost.

Dank an Marc Richter von We read Indie

  • Atsuhiro Yoshida: Gute Nacht, Tokio. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Bad Berka: cass verlag 2022. 191 Seiten, gebunden. 22 Euro

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