Viktor Schklowski: Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder Die Dritte Heloise (Guggolz Verlag)

Foto Michael Kauer

Ein Mann verliebt sich unsterblich in eine Frau, der seine Liebesschwüre aber ziemlich auf die Nerven gehen. Sie erlaubt ihm, ihr zu schreiben, aber nur wenn er nicht von Liebe spricht. Das ist der Ausgangspunkt des 1923 entstandenen Briefromans Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder Die Dritte Heloise von Viktor Schklowski.
Der Autor (1893–1984) lebte damals als russischer Exilant in Berlin und war hier – trotz der vielen Freunde und Kollegen, die wie er in „Charlottengrad“, also im russisch geprägten Berliner Stadtteil Charlottenburg wohnten – unglücklich. Er fühlte sich fremd und fehl am Platz, die Stadt mochte er nicht besonders.

Die Russen wohnen in Berlin bekanntlich rund um den Zoo.
Die Bekanntheit dieses Umstandes ist kein Grund zur Freude. (…)
Die Russen in Berlin kreisen um die Gedächtniskirche wie Fliegen um eine Deckenlampe. Und wie eine Fliegenpapierkugel an der Lampe, so ist an dieser Kirche eine seltsame stachlige Nuss über dem Kreuz angebracht.
Die Straßen, die man aus der Höhe der Nuss sieht, sind breit. Die Häuser sind gleichförmig wie Koffer. Durch die Straßen gehen Damen in Sealmänteln und schweren Lederstiefeln, und dazwischen Du im Mausmantel mit Sealbesatz.

Seine Angebetete war Elsa Triolet, ebenfalls russische Exilantin, die sehr viel später die erste Schriftstellerin sein würde, die den französischen Prix Goncourt erhält. 1923 ist sie die ersehnte Ansprechpartnerin (und sie antwortet auch ein paar Mal) des unglücklichen Autors, der ihr unablässig schreibt und von seinem mühsamen Berliner Alltag erzählt. Von seltsamen Angewohnheiten der Einwohner, aber auch von Streitigkeiten und literarischen Ideen der Mitexilanten, von der Kunstszene, vom Heimweh. Er erinnert sich an Begegnungen mit Marc Chagall, Boris Pasternak, Ilja Ehrenburg, an seine Tolstoi-Lektüre, schreibt aber auch über Nachtlokale, über Autos, über Kraftfahrer, über absurde Geschwindigkeiten (und diesen Satz würde man heute gerne allen Rasern an ihre Frontscheibe kleben):

Ein Auto kann auf der Landstraße über hundert Stundenkilometer erreichen. Aber wer braucht ein solches Tempo? Nur wer auf der Flucht ist oder jemanden verfolgt. Motorisierte Gefährte verleiten den Menschen zu Dingen, die man mit Recht Verbrechen nennt.

Der Autor hält sich an die Abmachung mit der bewunderten Frau. Er schreibt nicht über die Liebe, aber das Begehren, die Sehnsucht grundieren diesen Briefroman auf hinreißende Weise. Und er spielt mit unserer Erwartungshaltung, nimmt sich alle Freiheiten, die einem modernen Autor zur Verfügung stehen, wechselt zwischen Spiel und Ironie, zwischen behaupteter Wahrheit und Imagination. Auf diese Weise entsteht ein ungemein faszinierendes literarisches Vexierbild.
Wieder entdeckt wird mit diesem Buch ein Werk der literarischen Moderne, das auch ein besonderes Berlinbuch ist und – vor allem – die überzeitliche Heimweh-Recherche eines Emigranten. Hervorragend aus dem Russischen übersetzt wurde es von Olga Radetzkaja, in deren Nachwort man viel über Rezeption und Geschichte des Buches erfährt. Und in dem empathisch-kundigen Text von Marcel Beyer am Ende dieses schön gemachten Bandes, der im goldrichtigen Verlag, dem Guggolz Verlag, für solche Entdeckungen erschienen ist, heißt es: Schklowski schreibt Prosa „wie ein Dichter des 20. Jahrhunderts Gedichte schreibt“.
Der letzte Brief ist an das sowjetische Zentrale Exekutivkomitee gerichtet: Der Exilant will – trotz aller Bedrohung – zurückkehren: „Ich kann nicht in Berlin wohnen.“

Dank an Manuela Reichart (adaptiert, Originalbeitrag auf rbb)

  • Viktor Schklowski: Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder Die Dritte Heloise. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Essay von Marcel Beyer. Berlin: Gugggolz Verlag 2022. 189 Seiten, gebunden. 22 Euro

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