Ana Schnabl: Meisterwerk (Folio Verlag)

Ana Schnabl (1985) hat mit ihrem als „radikal“ bezeichneten Debüt, dem Erzählband Grün wie ich dich liebe grün (auf Deutsch im Folio Verlag 2020) in der slowenischen Gegenwartsliteratur auf sich aufmerksam gemacht. Sie beleuchtet darin „sprachlich brillant, mit brutaler Ehrlichkeit“ Sehnsüchte und Ängste, Freud und Leid von Menschen in tiefer Verzweiflung.

Meisterwerk ist Ana Schnabls erster Roman, in diesem Frühjahr ebenfalls bei Folio erschienen. Es geht darin um die Freiheit des Individuums im Privaten wie im politisch-gesellschaftlichen Kontext. Wir befinden uns im slowenischen Jugoslawien Mitte der 1980er-Jahre. Es brodelt im Untergrund, die Führung strauchelt. Die ambitionierte Verlagslektorin Ana Miler verdankt ihre steile Karriere ihrer Verpflichtung als IM beim Geheimdienst. Als pragmatische junge Frau weiß sie diese Tätigkeit mit ihrem Gewissen zu vereinbaren, wenn auch widerstrebend. Ein unfertiges Manuskript mit dem Titel „Meisterwerk“ des Schriftstellers Adam Bevk wird ihr zugetragen. Adam ist Universitätsprofessor und im Untergrund tätig. Seine Beiträge für die Revija, eine literarische Zeitschrift der Opposition, die noch zu einem der führenden Organe der Unabhängigkeitsbewegung Sloweniens werden soll, macht ihn zum Ziel der Überwachung. Ana soll ihn bespitzeln. Während ihrer Zusammenarbeit am Manuskript verstricken sich Ana und Adam, beide jeweils verheiratet, in eine leidenschaftliche Affäre.

In einer poetischen und reflektierenden Sprache beschreibt Ana Schnabl zwei Menschen, die verzweifelt versuchen ihrer Gegenwart zu entkommen. Adam, indem er sich vorsichtig am Widerstand beteiligt und in seinem Roman die geistige Emanzipation seines Alter Egos herbeiführt. Zugleich erkämpft Ana sich im bestehenden System einen besseren Platz, macht sich dabei allerdings zu dessen Sklavin.
Ihre Leidenschaft füreinander entfacht die Sehnsucht nach Freiheit, die Idee, ein anderer Mensch zu sein im Kontrast zu dem, der sie unter den gegebenen Zwängen geworden sind, politisch wie in der Liebe. Wäre die Freiheit nur nicht immer so schwierig, sinniert Adam:

(…) wenn sie (die Freiheit) von niemandem verlangen würde, dass er im Verlust der Richtung, der nichts anderes ist als Verlust des Narrativs, der nichts anderes ist als Verlust der Identität, die einzig gültige, einzig wahre, also mit der Wahrheit völlig übereinstimmende Erfahrung erkennt, die der Mensch überhaupt noch haben kann, wenn die Freiheit doch nicht so wehtun würde (…)

Sein Spiegelbild in einem anderen Menschen zu erkennen, eine Projektion des Ichs, die man selbst gern wäre, nichts anderes sei die Liebe, dessen sind sich Ana und Adam bewusst. Dennoch verspricht ihnen ihre wilde Leidenschaft entgegen aller Vernunft ein anderes, vermeintlich besseres Glück.

(…) alles noch Unverwirklichte, selbst das nie Verwirklichte, immer wieder nur Herbeigeträumte, verspricht mehr Glück, Ganzheitlichkeit und Erfüllung als jede Realität (…)

Ana Schnabl gelingt es sprachgewaltig, die Faszination der Liebenden füreinander sowie den Sog in eine unausweichliche Amour fou zu transportieren. Der Roman steckt voller psychologisch tiefsinniger Gedanken und dennoch verbleibt das Gefühl, die Konflikte seiner Figuren blieben an der Oberfläche stecken. Ana und Adams Beziehungen zu ihren Ehepartnern wirken unterbelichtet, die Nebenfiguren eindimensional, wie Vera, die sich für die Karriere ihres Mannes aufopfert. Da hilft es nicht, dass sich Vera selbst als Klischee bezeichnet, als die Variante von Frau, die für ihren Mann alles macht, die alles aus ihm macht.
Anas Ehemann Sergei hingegen ist der rationale, berechnende Karrierist, der Ana in ihrer eigenen Skrupellosigkeit bestärkt. Eine Paarung von zwei Egoisten basierend auf dem gemeinsamen Machthunger? Wäre es nicht interessanter, würde Ana ihren Mann tatsächlich lieben oder zumindest Loyalität für ihn empfinden? Ana und Adam sind beide vielmehr in Affären geübt, ihre jeweiligen Beziehungen offenbar mehr durch Pragmatismus gekennzeichnet als durch Liebe. So wird ihre Leidenschaft füreinander nachvollziehbar, das Paar steuert unweigerlich auf den Konflikt zu, dieser aber schürft zu wenig, es klaffen keine Wunden, er berührt nicht, denn was haben die Liebenden zu verlieren? Es fehlt ihnen an Zerrissenheit.

Auch Anas innerer Konflikt in Bezug auf ihre IM-Tätigkeit wird nicht vollständig auserzählt. Es stehen ihre Karriere und Reputation auf dem Spiel. Letztlich ist es nicht der Traum vom Glück mit Adam, der sie zu ihrer Entscheidung sich durchringen lässt, sondern der Wunsch, ihre Würde zurückzuerlangen und sich lebendig zu fühlen. Dennoch bleibt dieser innere Kampf zwischen der Angst vor dem Verlust der Sicherheit und dem Wunsch nach einem ehrlichen Leben vor uns Leser:innen größtenteils verborgen.

Die Auflösung im Epilog erscheint mir als ein gefälliges Happy End. Schade, denn Ana Schnabls Meisterwerk ist ein sprachlich brillanter, psychologisch tiefgründiger Roman. Er ist eines der seltenen Exemplare, die einfach etwas dicker hätten sein können.

Dank an Nicoletta Kiss

  • Ana Schnabl: Meisterwerk. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Bozen/Wien: Folio Verlag 2022. 232 Seiten, Hardcover, 135 x 210 mm. 22 Euro

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