Sven Pfizenmaier: Draußen feiern die Leute (Kein & Aber)

Foto Chraeker

Ein Mystery-Roman aus der deutschen Provinz. Im Herbst markiert dort das Zwiebelfest den Höhepunkt des niedersächsischen Dorfjahres, die jungen Leute konsumieren viel Alkohol, ein paar Drogen, aber warum und wohin sind zwei Mädchen verschwunden?

Ein deutsches Dorf mit Volksbank und Kreisverkehr, einer Schule und einer Polizeistation. Den jungen Leuten wird hier nicht viel geboten, Hannover ist aber zum Glück nicht weit. Um eine Handvoll Teenager dreht sich dieser ungewöhnliche Debütroman Draußen feiern die Leute von Sven Pfizenmaier, der von Ausgrenzung und Anpassung, von Liebessehnsucht und Familienbanden erzählt. Im Zentrum stehen drei, die nicht richtig dazugehören zur Jugendclique. Da ist Timo, der auch im Sommer dicke Pullover und Mütze trägt, weil sein Körper nicht so ist, wie er sein sollte, mit den Gliedmaßen einer Pflanze, „rankenartige Arme und Beine, blass grünliche Haut und orangegelbes Haar“. Der 17-jährige Richard sieht zwar nicht auffällig aus, aber er wirkt auf seine Umwelt wie eine Beruhigungstablette, alle werden „vor Langeweile bewegungsunfähig, sobald Richard dazustößt. Manchmal verstummen sie einfach, manchmal lassen sie einfach ihre Kippen fallen und legen sich auf den Boden“. Und dann ist da noch Valerie: Sie schläft und schläft, manchmal wacht sie über Wochen nicht aus ihren Träumen auf. Ihre Mutter hat sie immer wieder zu Ärzten geschleppt, nun soll ein Heiler helfen. Die Eltern sind Russlanddeutsche, wie viele in diesem Dorf. Sie haben sich angepasst, wollten stets deutscher sein als die Deutschen, aber im selbst gebauten Häuschen gibt es nur Erinnerungsstücke und Bilder der alten Heimat. Wohin sie wirklich gehört, weiß Valerie ebenso wenig wie die drei anderen Jungen, deren Eltern Russen sind. Sie sind schon ausgestiegen aus der ordentlichen Gesellschaft – und steigen dafür mutig in den Drogenhandel ein.

Im Zentrum des Rauschgiftgeschäfts steht Rasputin, ein seltsamer Typ, der nicht umsonst so heißt wie der berühmte russische Geisterheiler. Er ist paranoid und fährt wie der Milliardär in dem Film Cosmopolis von David Cronenberg unablässig in seiner Limousine herum. Er muss seine Spuren verwischen, darf sich nicht von der Polizei orten lassen. Rasputin ist auch der Buchumschlag gewidmet. Nicht von ungefähr sieht man da ein Eulengesicht.

Der 1991 in Celle geborene Autor entwirft mutig ein Gesellschaftsporträt zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Fantasie und höchst realer Kriminalität. Nicht nur jugendliche Apathie und Traurigkeit, sondern auch Drogen- und Menschenhandel stehen im Zentrum dieses Romans. Der Autor selber sagt, ihm sei es darum gegangen, Bilder für die emotionale und körperliche Entfremdung von Teenagern zu finden.

Ein Debüt, das sich jedenfalls überraschend abhebt von selbstbespiegelnder Familienprosa, von Protagonisten, die sich fraglos ins Zentrum ihrer Seelen- und Gesellschaftserkundung stellen, die sich ernster nehmen, als es ihr sprachliches Vermögen verdient. Dieser Roman hat dagegen einen ungewöhnlichen Ton, er ist verspielt und mutig, seine Motive und Bilder zeugen von einem Autor, der ein entschiedener Kinogeher zu sein scheint, der ein genaues Gefühl für Rhythmus hat – der schreiben kann.

Dank an Manuela Reichart (adaptiert, Originalbeitrag auf DLF Kultur)

  • Sven Pfizenmaier: Draußen feiern die Leute. Berlin/Zürich: Kein & Aber 2022. 339 Seiten, Hardcover. 24,00 Euro. E-Book 19,90 Euro.

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