Jochen Schimmang: Laborschläfer (Edition Nautilus)

Foto Buddy_Nath

Jochen Schimmang erzählt in seinem neuen Roman Laborschläfer von einem Mann, der seinen Schlaf begeistert in den Dienst der Wissenschaft stellt und damit sein Auskommen hat: „Manche sammeln Leergut; ich schlafe.“ Gar nicht verschlafen, sondern seit über 45 Jahren hellwach ist die inzwischen kollektiv geführte Hamburger Edition Nautilus, wo seit 2009 die Bücher des Italo-Svevo-Preisträgers Schimmang erscheinen.

Der Mann hat seinen – im wahren Sinn des Wortes – Traumberuf gefunden: Er ist einer von sechzehn Probanden, die sich einer besonderen Langzeitstudie zur Verfügung stellen. Die gilt der Gedächtnisbildung „während und vermöge des Schlafs“. Nach dem Aufwachen erzählt er, woran er sich spontan erinnert. Es geht nicht um Traumforschung, das Hauptgewicht liegt vielmehr auf dem „Übergangsraum zwischen Wachen und Schlafen,“ um persönliche und politische Erinnerungen, die gleichsam ungefiltert berichtet werden sollen. Gleich am Anfang kommt ihm etwa der Fall Barschel 1987 in den Sinn, jener Politikertod, der die alte Bundesrepublik durcheinanderwirbelte.

Dieser Rainer Roloff, ein verkrachter Soziologe, der die Aufwandsentschädigung zur Aufbesserung seiner kargen Rente gut gebrauchen kann, hat ein Elefantengedächtnis und mit seiner Hilfe kann der Studienleiter das realisieren, was er sich als wissenschaftliches Ergebnis vor allem verspricht: eine Geschichte der Bundesrepublik aus den Tiefen des Bewusstseins. Es geht um den Zusammenhang zwischen kollektiver und persönlicher Geschichte.

Jochen Schimmang erzählt von diesem Schläfer und Gedächtniskünstler der besonderen Art, der froh ist, seine Bestimmung und seinen wissenschaftlichen Lebensbegleiter gefunden zu haben, einen Schlafmediziner, der sich „Tiefseeforscher“ nennt:

Ich bin daran interessiert, mit einem Schlafmediziner, also einem Tiefseeforscher, zusammenzuarbeiten, und werde das auch weiterhin tun. Einen Analytiker oder Psychotherapeuten, der mir Worte in den Mund legt, die ich nicht ausgesprochen habe, brauche ich nicht.

Dass und wie der renommierte Schlaf- und Gedächtnisforscher am Ende selbst sein Gedächtnis verliert, das beschreibt Jochen Schimmang mit zugewandter Genauigkeit. Dass wir unsere Erinnerungen verlieren müssen, um zu leben, und dass wir sie bewahren müssen, um unsere Persönlichkeit zu erhalten, auch darum geht es in diesem heiter-melancholischen Roman, der zwei wunderbare und literarisch enorm produktive Tätigkeiten ins Zentrum stellt: träumen und erzählen.

Dank an Manuela Reichart

  • Jochen Schimmang: Laborschläfer. Hamburg: Edition Nautilus 2022. 327 Seiten, gebunden. 24 Euro.

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