Andrea Scrima: Kreisläufe (Literaturverlag Droschl)

Foto emoro

Wie werden wir zu dem, wer wir sind? Ist es möglich, unserer stofflichen Beschaffenheit zum Trotz, mit der wir in die Welt gesetzt wurden, der eigenen Herkunft zu entkommen? Diese Fragen verhandelt der tief tragische Roman Kreisläufe der amerikanischen Schriftstellerin und Künstlerin Andrea Scrima. Dies ist ihr zweiter fulminanter Roman nach Wie viele Tage (2018), der im Literaturverlag Droschl auf Deutsch von ihr vorliegt.
Die Familiengeschichte ist verortet im Künstlermilieu des New Yorker East Village und im Westberlin der Achtzigerjahre. Man merkt, die Autorin ist heimisch in beiden Welten, sie lässt uns pendeln zwischen New Yorker Bars, schäbigen Diners und Waschsalons und den rußgeschwärzten Berliner Fassaden vergangener Zeiten, hinter denen sich billige Mietwohnungen verbargen mit ausgekühlten Kohleöfen und eingefrorenen Wasserleitungen. Andrea Scrima kann Atmosphären schaffen. In einer poetisch dichten Sprache stellt sie ebenso Verwandtschaften zwischen Orten her wie zwischen den mosaikhaften Erinnerungen ihrer Figuren. 

In jeder Familie ist eine Geometrie am Werk, heißt es im Roman, unsichtbare Linien verbinden die Menschen, ihre Geheimnisse und Tabus miteinander und trennen sie voneinander. In ihrer eigenen Familie ahnt die jüngste Tochter Felice einen „blinden Fleck“, etwas, was sie nie verstanden hat. Sie flieht vor den cholerischen Anfällen der Mutter über den großen Teich bis nach Westberlin, wo sie dem Journalisten Micha begegnet, mit ihm gemeinsam das Glück sucht und Erfüllung in der Kunst findet. Auch Michas Vergangenheit steckt voller Geheimnisse, für die Worte nicht existieren. Über die ihm zugefügten Traumata in Umerziehungsanstalten der DDR hört Felice zunächst nur Bruchstückhaftes. Viel später erst sollte sie von diesem blinden Fleck in der Geschichte der DDR erfahren.

Jahre nach dem Tod des Vaters kehrt Felice nach New York auf einen Besuch zu ihrer Familie zurück. Die Macht des Elternhauses lässt sie noch immer apathisch werden. Alte Verhaltensmuster, die Angst vor der tyrannischen, manipulativen Mutter kommen hoch. Ihr fettleibiger Anblick auf der Couch, die immergleichen Fernsehserien schauend, mit den Fingern die kalten Überreste des Abendessens aus der Tupperware kratzend, rufen in Felice Gefühle des Ekels hervor, aber auch der Sehnsucht nach Mutterliebe. Das erste Mal in ihrem Leben hinterfragt sie den tief sitzenden Zorn der Mutter, einen Zorn, den das Kind fürchtete und als gegeben hinnahm, einen Zorn, der auch den Vater, einst ein rebellischer junger Mann voller Neugier und Leben, lange vor seinem Tod verstummen ließ.

(…) und ich sehe, wie sie (die Mutter) still an einem unbekannten Gefühl laboriert, sehe, wie die Wut in ihren Augen sich wandelt, und plötzlich muss ich nicht mehr die Pfeile des Zorns abwehren, die sie in meine Richtung schleudert, sondern schaue in die verdunkelten Wasser eines nach innen gekehrten Blicks.

In diesem Zwiespalt aus Angst, Abneigung und zärtlicher Hingabe versucht Felice dem Leben ihrer Eltern auf die Spur zu kommen. Die akribisch genauen Tagebücher ihres Vaters durchforstend öffnen sich ihr „Büchsen“ der Erinnerung, so manche, die sie auf pandorahafte Weise lieber nicht hätte berühren wollen. Sie merkt, dass sie die ebengleichen Muster – die Gene, die Krallen der Depression, die Abhängigkeit von Pillen – heimsuchen im täglichen Kampf zwischen Geldsorgen, den Nöten einer alleinerziehenden Mutter und ihren vergebenen Träumen, als wären sie vorprogrammiert.

(Ich) konnte nicht umhin zu denken, dass auch wir es nie über die Kratzer der Plattenrille hinwegschafften, dass auch wir nie den Augenblick wahrnahmen, an dem uns etwas in die Irre führte, unseren Verstand außer Kraft setzte und uns zur endlosen Wiederholung zwang.

Einzig in ihrer Liebe zu ihrem Sohn vermag Felice diese Kreisläufe zu durchbrechen, ein Schimmer der Hoffnung steigt auf, vielleicht die Blaupause des noch unbeschwerten Kindes verändern zu können. Sich selbst zu retten, gelingt Felice trotz der besten Absichten nicht. 

Wenn wir die Fehler der Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und beinahe gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.

Dank an Nicoletta Kiss

  • Andrea Scrima: Kreisläufe. Aus dem Amerikanischen von Christian von der Goltz und Andrea Scrima. Graz: Literaturverlag Droschl 2021. 320 Seiten, gebunden, 13 x 21 cm. 24 Euro.

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