Jonathan Garfinkel: Gelobtes Haus (Mandelbaum Verlag)

Foto Jandenouden

Dieses Land verwirrt mich immer mehr. Wie würde es hier aussehen, wenn ich keine Erwartungen hätte, wenn mein Kopf nicht mit Vorstellungen aus Jahren und Jahrzehnten vollgestopft wäre? Ich wünschte, am Ben-Gurion-Flughafen stünde ein Typ mit Phaserpistole, der die Erinnerungen der Neuankömmlinge löscht. Wenigstens könnte man die Dinge dann so sehen, wie sie sind, oder wenigstens ein bisschen klarer.

Jonathan Garfinkel reist als Dreißigjähriger zu Beginn der 2000er-Jahre zum ersten Mal in seinem Leben nach Israel. Er ist in Kanada aufgewachsen, seine Eltern lebten nicht in der orthodoxen Tradition, doch sie schickten ihn auf eine zionistische Schule, die ihm ein Bild der Welt und der Geschichte vermittelte, an dem sich Garfinkel noch Jahrzehnte später abarbeitet. Jede einzelne Seite des Buches Gelobtes Haus ist geprägt vom Ringen um Verständnis.
Garfinkel besucht die Synagoge, doch wie steht es um seinen Glauben? Liebt er seine Freundin Judith wirklich und soll er sie heiraten? Was bedeuten die Stadt Jerusalem und das Land Israel für das Judentum? Wie ist der Umgang der Israelis mit den Palästinensern zu bewerten? Ist ein Frieden auch nur denkbar?

Das erste Kapitel „Abflug“ spielt in Toronto. Es erzählt von der Familie, der Schule, dem Zusammenleben mit Judith. Und von der zufälligen Begegnung mit Rana, einer in Israel geborenen Palästinenserin, die seit einigen Jahren in Kanada lebt. Sie reißt ihn aus seiner „Zeitkapsel (…) Seit meinem vierzehnten Geburtstag habe ich es vermieden, Nachrichten aus Israel zu lesen.“ Rana konfrontiert ihn mit der Realität, sie spricht über die Diskriminierung des arabischen Teiles Israels, die Vertreibungen und die Landnahme, über die Besatzung und den Versuch, die Kultur alles Nichtjüdischen auszulöschen.

Und sie erzählt ihm auch von einem Haus in Jerusalem, in dem sie als Studentin lebte. Dieses teilten sich ein Araber und ein Jude. Das ist so ungewöhnlich, dass Garfinkel beschließt, das Angebot eines Arbeitsstipendiums in Israel anzunehmen und der Geschichte dieses Hauses auf den Grund zu gehen.

Der zweite Teil des Buches, „Ankunft“, konfrontiert den Schriftsteller mit einer Welt, die ganz anders ist als alles, was er sich bis dahin vorstellte. Er reist ins Westjordanland, passiert schwer bewachte Kontrollpunkte, besucht Flüchtlingslager, diskutiert auch mit orthodoxen Juden und Künstlern, besucht die Klagemauer, spricht im Geiste mit seinem Großvater und Vater und vernimmt immer wieder die Stimme seiner ehemaligen Lehrerin Mrs. Blintzkriegs in seinem Kopf. Sie repräsentiert die traditionelle, zionistische Sichtweise, die zu hinterfragen ihm Angst und Scham bereitet, die er aber nicht mehr akzeptieren kann.

Der Blintzkrieg-Komplex. Das Schlimmste ist, dass sie mir bei jeder Frage, die ich zu Israel stelle, das Gefühl gibt, einen Verrat zu begehen; wer einen kritischen Gedanken äußert, ist entweder Nazi oder Terrorist.

Mühsam kommt Garfinkel der Geschichte des Hauses auf die Spur. Eine zweite Reise (das vierte Kapitel, „Rückkehr“) nach Israel ist dafür nötig, eine, die ihn noch tiefer eintauchen lässt in die komplizierte Situation, in der das Land sich befindet. Nichts ist hier eindeutig, so wenig wie die Besitzverhältnisse des Hauses. Viele Gespräche mit den verschiedensten Menschen, dazu der Abgleich mit all dem, was in seinen Kopf „gestopft“ wurde, sind Garfinkels Versuch zu verstehen.

Das Buch, das den Untertitel „Meine Reise nach Jerusalem“ trägt, ist unheimlich dicht und birgt viele, viele Informationen. Das ständige Reflektieren der persönlichen Einstellung, das Verknüpfen der eigenen Gedanken mit denen der anderen, die Spiegelung der Politik im Leben der Individuen zeichnen es aus. Es ist mit all den Erinnerungen, den Dialogen und der großen Mengen an Fakten beeindruckend gut komponiert.

Dem 2007 im Original erschienenen Buch ist ein „Nachspiel“ des Autors vom Juli 2021 beigefügt. Er erzählt, wie es „für kurze Zeit Konversationsstoff für den Israel-Palästina-Konflikt“ wurde, wie viele Freunde und auch den Kontakt zu seinem Vater er durch dieses Buch verlor. Und er geht ganz aktuell darauf ein, dass Israel nicht bereit war, Impfstoffe gegen Covid-19 an Palästinenser in Gaza oder im Westjordanland abzugeben. Er zitiert Efraim Inbar, Präsident des Jerusalemer Instituts für Strategie und Sicherheit: „Ich denke, die Aufforderung an Israel, seinen Feinden zu helfen, ist unmoralisch. Ich schicke den Impfstoff lieber nach Indien als der Palästinensischen Autonomiebehörde.“
Garfinkel verknüpft die Situation der Nachbarn, die eine „epidemiologische Einheit“ sind, noch einmal mit den Bewohnern des Hauses und der Frage nach der Möglichkeit von Frieden.

Wir alle wissen: Friede ist nicht Liebe – und Koexistenz keine kindische Phantasie. Sondern die einzige Möglichkeit. In diesem Sinne glaube ich immer noch an die Möglichkeit, unter einem Dach zu leben.

Dank an Petra Lohrmann

  • Jonathan Garfinkel: Gelobtes Haus – Meine Reise nach Jerusalem. Wien: Mandelbaum Verlag 2021. Aus dem Englischen von Karoline Madabo. 352 Seiten, Broschur, 13,5 x 21 cm. 22 Euro

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