Lüthi liest (im März): Der wiederauferstandene MÄRZ Verlag

Alles neu macht der März. Oder war das der Frühling? Egal, ein Wortspiel sei mir erlaubt, soll es hier doch um den wieder erstarkten MÄRZ Verlag (im März) gehen (fortan werde ich von kalenderbasierten Wortspielen absehen, versprochen). Gut. Also. Der MÄRZ Verlag. 1968 von Jörg Schröder in Berlin gegründet hat der Verlag eine lange Tradition. Nicht zuletzt durch die Kolumnen und Herausgeberschaften von Jörg Schröder und Barbara Kalender. Um den Verlag wurde es irgendwann ruhig, wobei das Interesse am Verlag und im Besonderen an seinen Büchern nicht nachgelassen hat. Und nun in diesem Februar (ja, da wurde eine Chance vertan) ist der Verlag neu gestartet. Neu amtet Richard Stoiber als Verleger, Barbara Kalender blieb „erste und nach wie vor wichtigste Mitarbeiterin des Verlags“. Verfolgt wird ein hybrides Modell, nicht hybrid zwischen analog und digital, sondern hybrid zwischen alt und neu.
Unter der Ägide von Kalender erscheinen die MÄRZ-Klassiker in Neuauflagen, während Stoiber für die neuen Veröffentlichungen verantwortlich zeichnet. Im ersten Programm erscheinen so sechs Bände: drei Klassiker und drei Neuerscheinungen. Tauchen wir reduziert ein in zwei Klassiker und zwei neue Bände: zwei Sachbücher und zwei literarischen Texte.

Eine feste Säule des mühsamen Überlebenskampfes

Als Erstes fällt mir dabei Döner von Eberhard Seidel in die Hände. In dieser türkisch-deutschen Kulturgeschichte geht es – es war zu vermuten – um die Geschichte des Döners. Ausgehend von Elon Musks Geständnis, dass Döner seine liebste deutsche Speise sei (böse Zungen würden ja nun behaupten, dass das kein Geständnis sei, sondern eine kluge Wahl, angesichts der Auswahlmöglichkeiten (solche Zungen haben aber noch nie von Hamburger Labskaus gehört)), verfolgt Seidel in seinem Buch die Entstehung des Döners. Merkmal des sich dabei entfaltenden Narrativs ist dessen Facettenreichtum. In den Anfängen ist der Döner Kebap eine Berliner Erfindung und ein Stück Migrationsgeschichte. Diese wandelt sich aber relativ rasch auch zu Wirtschaftsgeschichte, um dann in der titelgebenden Kulturgeschichte zu münden.

Seidel erzählt diese Geschichten in der nötigen Breite und mit feinem Gespür für den Gegenstand. Er verfällt dabei nie in Reduktionismus, sondern charakterisiert den Döner Kebap (inklusive Exkurs über die Schreibweise, um schlussendlich bei Kebap zu landen) als dezidiert türkisch-deutsche Geschichte. Das heisst in diesem Falle auch, den Reduktionismus zu thematisieren, der von aussen an den Döner herangetragen wurde, seien dies die verstellenden Berichterstattungen über die „Döner-Mafia“ oder die rechtsextreme Gewalt gegen Dönerimbisse. Das Buch profitiert davon, dass Seidel bereits in den 90er-Jahren ein Buch über den Döner geschrieben hat (Aufgespießt. Wie der Döner über die Deutschen kam). Der neue Band ist nun, so weit sich dies ohne Original nachvollziehen lässt, eine Um- und Ausarbeitung dieses Ursprungsbandes. Mit vielen neuen Themen und Abschnitten, aber gerade im geschichtsträchtigen Teil wiederum stark auf der Originalrecherche basierend. Nicht unerwähnt bleiben sollen hier übrigens noch die in Farbe gedruckten Illustrationen von Laura Fronterré.
Döner entpuppt sich als Sachbuch, das seinen eigenen Gegenstand mit viel Hingabe bearbeitet. Stellenweise ist das vielleicht etwas chaotisch, weil nicht streng chronologisch erzählt wird, gesamthaft entsteht dadurch aber ein vielseitiges Porträt einer oft mit wenig Aufmerksamkeit bedachten Speise, die für viele im deutschsprachigen Raum zu einem Stück Alltag geworden ist.

Hat meine Mutter mich genährt?

Der erste MÄRZ-Klassiker in meinen Händen, Das Kind von Jules Vallès (1832–1885), der erste von drei Jacques-Vingtras-Bänden, bildet zum sachlichen Döner einen starken Kontrast. Vallès erzählt die Emanzipationsgeschichte von Jacques, der als Kind von seinen Eltern geschlagen und misshandelt wird. Im neunzehnten Jahrhundert spielend entpuppt sich Jacques’ Kindheit als grausam und von wenig Liebe gezeichnet. Die Mutter nutzt das Kind als Auffangbecken der eigenen Frustration und Armut, der Vater piesackt im Zweifelsfalle auch lieber das Kind, als sich der Mutter im Konflikt zu stellen.

Vallès erzählt diese Geschichte einer Kindheit verzettelt, regelrecht sprunghaft. Changiert zwischen den Ereignissen hin und her, was sich bereits im äusserst nervösen Satzbild niederschlägt. Es wirkt stellenweise, wie ich mir Vorträge im Cabaret Voltaire vorstelle. Die Kapitel haben ein bestimmtes Thema, das sie verfolgen, eine konkrete Handlung mag sich nicht so recht entfalten. Das wirkt alles unruhig, fahrig – und nachlässig erzählt. Vallès zeigt auch wenig Gespür für seine Figuren, die konsequenterweise nur aus der Sichtweise von Jacques erzählt werden. Die Übersetzung folgt dabei der ursprünglichen Übertragung von Christa Hunscha.

Die Lesart ändert sich, wenn man Das Kind nicht als Roman, sondern als autofiktionalen Text liest. Die Aneinanderreihung, die für einen Roman ungewöhnlich scheint, ergibt plötzlich mehr Sinn, die kindliche Erlebniswelt wird plastischer und durch die Autofiktion als realistischer aufgewertet. Gleichwohl, dieser Roman ist mehr Kampf als bereichernde Lektüre. Denn fast jede Nationalliteratur kennt das hier aufgefahrene Narrativ in irgendeiner Form. Der junge Held, der sich der widrigen Umständen erwehren muss und diesen mit viel Humor (dazu gleich noch) und kindlicher Frische begegnet. Man denke da etwa an Kees de Jongen (dt. Ein Junge wie Kees, Wallstein 2019) von Theo Thijssen aus den Niederlanden, wo auch die Geschichte eines Jungen erzählt wird. Gerade in diesem Vergleich aber wirkt Das Kind extrem blass. Thijssen erzählt mit sehr viel mehr Witz und vor allem literarischem Gestaltungswillen. Den mache ich bei Vallès fast nirgends aus.
Vielleicht funktioniert dieser Band nur im Zusammenspiel mit den beiden folgenden Bänden, es mag gut sein. Aber spätestens, wenn ich auf der Rückseite lese, dass dies eines der witzigsten französischen Bücher überhaupt sein soll, dann mache ich mir Sorgen um den französischen Humor. Mit Verlaub – aber wenn dieses Buch die Höhe französischen Humors zeigt, dann kehre ich sofort um und kaufe im lokalen Brockenhaus die Anthologie der schönsten Schweizer Liebesgedichte, die ich kürzlich in Händen hielt und rasch wieder ins Regal stellte. Weil wenn dem so ist, dann scheint es auch passabel, dass die Schweizer grosse Liebesdichter sind.

Classic Objects

Klassikertest also noch nicht ganz bestanden. Wenden wir uns deshalb wieder der Gegenwart zu. Gerade erst ist das neueste Album der norwegischen Musikerin Jenny Hval erschienen. Classic Objects heisst es und kommt etwas plätschernd daher. Etwas, was man von Hval und ihren Zyklen des sich selbst neu Erfindens eigentlich nicht erwartet hätte. Aufregender ist da eindeutig Hvals erster und bislang einziger Roman Perlenbrauerei aus dem Jahr 2009.

Jo ist als norwegische Austauschstudentin an der australischen Küste in Aybourne gelandet. Dort will sie studieren. Zuerst muss aber noch ein WG-Zimmer gefunden werden. Schlussendlich wird sie in einer umgebauten Brauerei fündig, in der neben ihr nur Carall lebt. Als Tanz zwischen Nähe und Distanz inszeniert Hval fortan das Zusammenleben der beiden Frauen.

Kammerspielgleich bleibt die Erzählung an diesen beiden Figuren kleben (aber immer der Sichtweise Jos folgend) und berichtet von einer Geschichte, in der ziemlich wenig passiert. Auf den Plot konnte sich Hval also nicht verlassen, um ein anregendes Buch zu gestalten. Genau wie ihre Musik, lebt der Roman von der Atmosphäre, von dem, was nicht gesagt wird. Da ist einerseits die Anziehung zwischen Jo und Carall zu nennen, die aber nie expliziert wird und nur in der Nacht auftaucht. Da ist aber auch Jos ausserordentliche Sensitivität Geräuschen gegenüber. In der umgebauten Brauerei sind die Räume gegen oben offen und nur durch Spanplatten voneinander abgetrennt. Dadurch entsteht eine Gleichzeitigkeit aller Geschehnisse im Gebäude, die Jo, oftmals sitzend und lauschend, genau verfolgt.

Den beiden Übersetzerinnen Rahel Schöppenthau und Anna Schemangk ist es gelungen, der Atmosphäre des Romans auch im Deutschen gerecht zu werden. In kurzen, zielgerichteten Sätzen verpacken sie die Fluktuation der Geschichte zwischen Wärme und Kälte. Dass das Debüt von Hval nicht in Belanglosigkeit abdriftet, liegt am leichten, oft nur subtil angedeuteten Horror, den die Autorin beschwört.

Wir müssen sofort damit beginnen

Heute ist es technisch möglich, sich ohne Hilfe der Männer (oder, in diesem Fall: Frauen) zu reproduzieren und ausschließlich Frauen zu produzieren. Wir müssen sofort damit beginnen. Der Mann ist eine biologische Katastrophe.

Wie viel Sprengkraft in den Klassikerschubladen des MÄRZ Verlags tatsächlich schlummern, zeigt sich eindrücklich am Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer von Valerie Solanas (SCUM). In diesem dezidiert literarischen Text beschreibt die Ich-Erzählerin, warum eine Welt, die ausschließlich aus Frauen bestünde, eine bessere wäre, und zeigt schonungslos die Schwächen des männlichen Geschlechts auf. Das ist natürlich stellenweise bewusst überhöht und zugespitzt, ich fand darin aber oft den Witz, den ich bei Vallès so sträflich vermisste. Die Männer als Geschlecht werden zu dümmlichen Lakaien ihrer genetischen Veranlagung (umgekehrt kennt man diese Geschichte schon bestens) und werden dadurch von Solanas sehr geschickt entblösst. Denn der literarische Charakter des Manifests soll natürlich nicht verschleiern, dass hier auch sehr bewusst Missstände angeprangert werden. Was Jörg Schröder im Nachwort gezielt aufarbeitet.
Die Übersetzung von Nils-Thomas Lindquist wirkt oft erstaunlich frisch und modern, gerade wenn man ihr Alter bedenkt (1969). Stellenweise merkt man dieses Alter dann, wenn der Sprachgebrauch sich verändert hat. Begriffe wie „Coolness“ oder „groovy“ bedürften heute natürlich eigentlich keiner Erläuterung im Text mehr.

Tief in seinem Innern weiß jeder Mann, dass er ein wertloser Misthaufen ist.

Alles neu im MÄRZ?

Wie also präsentiert sich dieses neue, alte MÄRZ-Programm? Was sich nach der Lektüre der vier Bücher eindeutig sagen lässt: Der Spagat zwischen der langen Tradition des Verlags und der Ausrichtung zu Neuem hin ist ausserordentlich gut geglückt. Das zeigt sich natürlich inhaltlich; sinnbildlicher (und sehr gelungen) ist dies aber auch an der Buchgestaltung abzulesen: Die Klassiker kommen so daher, wie sie immer dahergekommen sind. Im klassischen MÄRZ-Gelb, in der originalen Gestaltung und gesetzt in der unverkennbaren Schrift „Block Berthold“. Die Schrift ist denn auch das verbindende Element und taucht, ebenso unverkennbar, auf den neuen Büchern auf, dort aber gepaart mit anderen Farben und grossflächigen Fotos. Durch die brutalistischen Ursprünge der Schrift hat sie heute einen gewissen Retro-Charme, der gerade auf den neuen Büchern in Verbindung mit modernen Designelementen einen ansprechenden Kontrast erzeugt. Anders gesagt, wenn wir die Gestaltung als symptomatisch lesen wollen für den „neuen“ MÄRZ Verlag, können wir folgern: dem Alten treu bleibend, aber auch dem Neuen gegenüber offen. Der Tradition gerecht werdend, aber auch unverkrampft Neuem begegnend. Also eigentlich so, wie man sich das sowohl als „alte“ wie auch als „neue“ Leserin nur wünschen kann.

Großer Dank an Nick Lüthi (Fotos Nick Lüthi)

  • Jenny Hval: Perlenbrauerei. Roman. Aus dem Norwegischen von Rahel Schöppenthau und Anna Schiemangk. 168 Seiten, gebunden. 22 Euro.
  • Eberhard Seidel: Döner. Eine türkisch-deutsche Kulturgeschichte. 260 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Abbildungen von Laura Fronterré. 20 Euro.
  • Valerie Solanas: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer. Aus dem amerikanischen Englisch von Nils-Thomas Lindquist, mit einem Nachwort von Jörg Schröder, hrsg. von Baraba Kalender. 132 Seiten, gebunden. 18 Euro.
  • Jules Vallés: Jacques Vingtras · Das Kind. 1. Band der Trilogie. Roman. Aus dem Französischen von Christa Hunscha, hrsg. von Barbara Kalender. 350 Seiten, gebunden. 24 Euro

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