Ursula Knoll: Lektionen in dunkler Materie (Edition Atelier)

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Ein großartiger Prolog ist Ursula Knolls Debütroman Lektionen in dunkler Materie aus der Edition Atelier vorangestellt: Es ist die Geschichte eines Handschuhs, der aufgrund des allerbanalsten menschlichen Versagens wie eine Waffe ins All geschleudert wird. Er richtet dort wider Erwarten keinen Schaden an, während der Mensch, dessen Handschuh es war, weniger Glück hat. Damit eröffnet Ursula Knoll einen bunten Reigen an Figuren, deren Schicksale auf die eine oder andere Art voneinander abhängen.

Da wäre einmal die Beamtin Geiger, die Asylanträge zunächst so bearbeitet, als müsste sie schädliche Strahlung detektieren, so wie der Geigerzähler, der diesem ersten Kapitel als Titel vorangestellt ist. Es geht aber auch um einen kleinen Jungen und seine Mutter, die sich als Alleinerzieherin mit einem prekären Job in der Hotellerie über Wasser hält. Es geht um die Kindergartenpädagogin des Jungen. Es geht um die ehemalige Partnerin der Alleinerzieherin, die jetzt auf einer Raumstation durchs All düst (man wird das Wort „bemannt“ neu überdenken müssen). Es geht um die Schwester der Astronautin, die an der Börse spekuliert und das nicht nur aus reiner Profitgier tut. Es geht um eine Aktivistin, die gegen die Produktionsbedingungen in der Nahrungsmittelindustrie protestiert.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Nebenfiguren, beispielsweise einen selbstverliebten Vorstandschef, der nichts kapiert; einen Fahrradboten, der als armes Schwein bezeichnet wird; eine Frau, die das „Bulletin of Atomic Scientics“ herausgibt; eine unfassbar altkluge künstliche Intelligenz; einen ausgebeuteten Erntehelfer, der von einem Auto überfahren wird. Und. Und. Und.

Ganz subjektiv fand ich das Figurenpersonal in diesem Roman etwas zu umfangreich, ein stärkerer Fokus auf einzelne Schicksale und weniger Themen hätte mich persönlich mehr angesprochen. Andererseits braucht es wohl eine Menge an Perspektiven, um darzustellen, wie Menschen miteinander umgehen und wie alles vernetzt ist – nicht nur wir untereinander, sondern auch wir mit der Natur und dem Planeten.

Das Bild, das die Autorin zeichnet, ist aktuell und schmerzhaft realistisch. Wir kennen Berichte über Alleinerziehende, die am Rande der Erschöpfung und unter der Armutsgrenze leben. Wir haben Artikel über die Ausbeutung bei der Ernte oder in Schlachtbetrieben gelesen. Wir wissen von undurchsichtigen Asylverfahren und der ebenso undurchsichtigen Finanzwirtschaft. Wir haben vermutlich schon persönlich profitiert von der größer werdenden Schar an prekär Beschäftigten.

Ursula Knoll legt ihren Finger ganz tief in die Wunden unserer Zeit – und wühlt darin herum. Die Protagonistinnen sehen die Missstände und sie wollen etwas verändern, entweder für sich oder für die ganze Gesellschaft. Dabei sind es oft Figuren, die am Abgrund stehen – was überhaupt eine Spezialität von Ursula Knoll zu sein scheint. Auch in Falten im Anthropozän, einem Theaterstück, das die Autorin gemeinsam mit Barbara Kadletz (Im Ruin, 2021) verfasst hat, geht es um prekäre Lebensumstände, die sich aber doch wenden lassen.

Doch zurück zum Roman: Abgesehen von den hoffnungsfrohen Schlusskapiteln ist Lektionen in dunkler Materie über weite Strecken kein angenehmes Buch. Aber es erzählt in klug konstruierten Geschichten von einigen der relevantesten Themen unserer Zeit. Diese Geschichten können wir lesen, während wir gemütlich daheim am Sofa sitzen und sonst nichts tun. Was sich natürlich schon wieder völlig falsch anfühlt!

Dank an Beate Kniescheck

  • Ursula Knoll: Lektionen in dunkler Materie. Roman. Edition Atelier 2022. 248 Seiten, 12,5 x 20,5 cm, gebunden. 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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