Susan Taubes: Nach Amerika und zurück im Sarg (Matthes & Seitz Berlin)

Foto thebeardedyogi

Nach Amerika und zurück im Sarg ist ein eindrucksvoller Roman über eine zerrissene Frau, von der ein Freund einmal sagt:

Du hast ein unwahr­scheinli­ches Problem damit, dich zwischen Spinoza und einer Existenz als Playgirl in Acapulco zu ent­scheiden.

Im November 1969 – eine Woche nach Erscheinen des Romans – brachte sich die Philo­sophin und Schriftstellerin Susan Taubes (1928–1969) um, ihre Leiche wurde am Atlantikstrand von East Hampton bei New York gefunden. Sie war 41 Jahre alt.

Als das Buch unter dem Titel Scheiden tut weh vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal auf Deutsch erschien, konnte man auf dem Umschlag das Foto eines liebevollen Paares betrachten. Eine Jugendaufnahme, die Jacob Taubes, den renommierten Reli­gions­wissen­schaftler (der 1987 in Berlin gestorben ist) und seine ebenso begabte wie hübsche erste Frau Susan zeigt, die als Kind aus Ungarn nach Amerika emigrierte. Sie lehrte Reli­gions­geschichte wie ihr Ehemann, spielte Theater, schrieb – und kümmerte sich um die bei­den Kinder des Paares. Sie trennte sich gegen dessen Willen von ihrem untreuen egomanischen Mann, lebte unstet zwischen New York, Jerusalem und Paris.

Ja, ich bin tot. Schon als ich ankam, wusste ich, dass ich tot bin, aber ich wollte es nicht als Erste sagen. Nicht gleich bei meiner Ankunft. Ich war mir nicht ganz sicher, weißt du.

Nach Amerika und zurück im Sarg (den Titel wollte Susan Taubes selbst für ihr Buch) ist ein zweifellos autobiografisch geprägter Roman, der beim ersten Erscheinen vor allem auf dieser Folie gelesen wurde. Die Unbehaustheit der Emigrantin, die sich auch nach Ju­gend und Heirat in Amerika im­mer noch fühlte, als hätte „sie eigentlich das Boot nie verlas­sen, auf dem sie 1939 angekommen ist“, ihre Kindheit in Budapest, die Erinnerung an die unglückselige Ehe ihrer Eltern, die aus verschiedenen jüdischen Welten kamen: Der ernsthafte Psychoanalytiker aus einer orthodoxen, traditionsbewussten, die lebenslustige Mutter aus einer neu­reichen, säkularisierten. All diese Motive kommen in diesem Roman vor, der jedoch weit mehr ist als eine autobiografische Abrechnung mit dem Ehemann und der Herkunft, der eigenen Heimatlosigkeit und den unerfüllten intellektuellen und erotischen Träumen.

Taubes‘ Roman aus dem Verlag Matthes & Seitz Berlin liest man heute vor allem als literarisch höchst interessantes Werk, das zwischen Traum und Wirklichkeit wechselt, in dem es keine zuverlässige Ich-Erzählerin gibt, keine gesicherte Zeit- und Bewusstseinsebene. Die Heldin ist eine Zerrissene, eine Frau des Wortes und des Verstandes, die auf der Suche nach Wärme und Emotion, nach dem Nichtgesagten ist. Nach der untergegan­genen Welt eines osteuropäischen Judentums, das sie nicht le­ben, nach dem sie sich aber sehnen könnte. Eine moder­ne Intel­lektu­elle, die eine Davon-Gekommene ist, eine, deren Verwandten im Gas endeten, die Zeit ihres Lebens deswegen von Schuldge­füh­len geplagt wird, die auch deswegen nie weiß, wohin und zu wem sie gehört.

Nach Amerika und zurück im Sarg erzählt von zerfurchten Seelen auf der Suche nach Erkenntnis und Iden­tität. Alles dreht sich um Ehe und Liebe, um die Unmög­lich­keit von Harmonie und Glück. Um den Tod. Und nicht zuletzt um das Verhältnis einer alleinlebenden Mutter zu ihren Kindern.

Hinterlassen hat Susan Taubes nicht nur diesen eindrucksvollen Roman, sondern auch unveröffentlichte Prosa und Tagebücher. Ihr Nachlass liegt inzwischen im Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, 2011 kam der erste, 2014 der zweite Band einer Edition mit Briefen zwischen ihr und Jacob Taubes heraus. Und 2020 erschien von Christina Pareigis im Wallstein Verlag eine sehr lesenswerte „Intellektuelle Biographie“ dieser ungewöhnlichen Frau und Autorin.

Dank an Manuela Reichart (adaptiert, als Hörbeitrag auf rbbKultur)

  • Susan Taubes: Nach Amerika und zurück im Sarg (Divorcing). Aus dem Amerikanischen von Nadine Miller, mit einem Essay von Leslie Jamison. Berlin: Verlag Matthes & Seitz 2021, 374 Seiten. 22 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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