Ulrike Schrimpf und Anna Hoffmann über: Verlust, Gelüste, Experimente

da bin ich
reich mir den regen und pack aus
ich höre und weiß zu schweigen


ganz dame der lage
in der gunst der jahre
schlaff grau hoch konzentriert
brühwürfel begine und verlorene zacken

darauf ein neues blatt papier:
NACH TUNDRA RIECHT DIE NACHT
MEIN ARSCH IST KALT


Anna Hoffmann habe ich über die sozialen Medien kennengelernt. Immer wieder erregt sie dort Aufsehen mit einer geschickten Mischung aus ästhetischen Bildern, selbstbewussten, auch sinnlichen Selbstrepräsentationen und Gedichten, die auf vielseitige Weisen aus allen möglichen Rahmen fallen. Meine Neugier auf die Dichterin wurde also immer größer, auch weil sie so gar nicht zu anderen Dichter:innen unserer Zeit zu passen scheint, und weil ihr das, so mein Eindruck und so würde sie es vielleicht auch selbst formulieren, vielleicht sogar in ihren Gedichten: am Arsch vorbeigeht.

Anna Hoffmann

Soweit ich sehe, hat Anna Hoffmann vorwiegend außergewöhnliche Bücher in kleinen Nischenverlagen veröffentlicht, die alle künstlerisch aufwendig gestaltet sind. Sie schreckt nicht vor großen, auch machtvollen Worten, Bildern und Themen zurück und verwendet gerne mythologische Motive und Vergleiche: In ihrem Schreiben hält sie unter anderem Zwiesprache mit Kassandra, Ophelia, Hamlet und Medea. Gleichzeitig ist ihr eine deftige, vulgäre, auch aggressive Sprache nicht fern, und sie bedient sich ihrer selbstverständlich und saftig, wie ein Fisch im Wasser, sozusagen. Dann wieder sehe ich Ironisierungen, Klammern, Verschachtelungen und Brechungen in den Texten, ohne dass diese überhandnehmen und alles zerlegen, ohne dass sie Gefühle nicht mehr zu- oder einlassen.
Andere Gedichte Hoffmanns klingen überraschend direkt und erzählen von Sehnsucht, Trauer, Verlust, berühren auch auf einer ersten einfachen Ebene.
Dem Schreiben der Dichterin ist stets beides zu eigen: einerseits eine grundsätzliche, formende Musikalität und Rhythmik und andererseits eine Formen sprengende Lust am – sprachlichen – Experiment, ein erkennbarer Wille, neue formale und expressive Wege zu gehen./Ulrike Schrimpf

Liebe Anna, kannst du mit meinen oben geschilderten Eindrücken von deinem Schreiben etwas anfangen? Wie siehst du es selbst? Und scheren dich gemeinhin bekannte Kriterien für – erfolgreiche – Kunst (Wie und worüber hat man heutzutage zu schreiben? Wie und worüber haben Dichter:innen zu schreiben?) wirklich so wenig, wie es den Eindruck macht?

Anna Hoffmann: Ja, das ist schon so. Es sind trotzige Versuche, mit denen ich den großen Themen das Pathos austreiben möchte, um sie zu retten. Es geht nur über die Brechung des Pathos, denke ich, die Fallhöhe zwischen Inhalt und Form.
Kriterien, Kulturbetrieb, Gruppen, Trends interessieren mich nicht. Ich bewerbe mich weder für Stipendien noch für Preise. Allerdings hatte und habe ich immer Möglichkeiten, meine Texte zu veröffentlichen. Dass die Verlage klein sind, ist für Lyrik nicht relevant, da die Zielgruppe per se auch klein ist. Die hohen Preise, mitunter 300 €, 350 € pro Exemplar, sind natürlich eine Hürde. Diese originalgrafischen Ausgaben wandern in die Hände bibliophiler Sammler, Bibliotheken, Museen.

Allein der Titel deines aktuellen Lyrikbands VLUST zeigt, dass du mit deiner Sprache nicht nur beschreibst, erzählst, Eindrücke vermittelst und Stimmungen schwingen lässt, sondern dass du mit ihr und durch sie auch experimentierst, in neue, möglicherweise unerhörte Bereiche vorstoßen willst. Was treibt dich dabei an und wohin willst du?

Anna Hoffmann: Es stimmt, VLUST heißt und zeigt, wie ich arbeite. Ich dringe ins Wort ein, in die Struktur der Sprache, es ist egoetymologisch, der Verlust findet im Wort statt, dem zwei Buchstaben abhanden gingen, und offenbart und verstärkt gleichzeitig andere Gedankenrichtungen, die LUST und die fehlenden Buchstaben ER: den Geliebten, den Feind, den Verräter, den Tod. Ich weiß, es klingt verrückt, durch Reduktion zu Komplexität zu gelangen, aber Poesie kann das bekanntlich und Saucieren können das auch. Wenn Chomsky meint, dass jeder Mensch die Unendlichkeit in sich trägt aufgrund der sprachlichen Regeln, die wir alle befolgen, was passiert, wenn ich ein paar Regeln ändere? Ganz viel. Und nüscht. In der wirklichen Welt. Ich hab ein Buch gemacht im Berliner Hybriden-Verlag, das gelangt dann zu einigen Menschen, die sich nicht vor Dichtung fürchten, im Literaturbetrieb wird das Buch kaum wahrgenommen. Mit und ohne Corona kommen eine Handvoll Lesungen dazu. Und das wars. Die Untersuchungsmethode Poesie ist unrentabel für die Welt und die Autorin. Grins

Du sprichst von „einigen Menschen, die sich vor Dichtung nicht fürchten“ und die deine Texte lesen. Was ist mit den anderen? Auch ich beobachte immer wieder diese tief eingeschriebene Distanz zu Gedichten. Woran liegt das aus deiner Sicht?

Anna Hoffmann: Den anderen stehen andere Zugänge zur Welt zur Verfügung, aber nicht Dichtung. Soviel ich weiß, weiß niemand, warum. Aber beide Seiten nehmen sich häufig als defekt wahr.

Totenmaske

Verlust und Lust – beides sind zentrale Themen in deinem Schreiben. Den 2010 bei der Corvinus Presse erschienenen Band Totenmaske. 6 Gedichte über Sterben und Tod hast du zum Beispiel vollständig dem Thema „Verlust durch den Tod“ gewidmet. Darin findet sich ein Gedicht, das mich tief berührt hat, „das fernglas meines vaters“.

ich seh seine hände
arbeit hat sie zerfressen
übrig geblieben sind blutblasen
tiefe risse und ich die ihn ruft

ungeduldig rufe ich wieder
geh und lass ihn zurück
undurchschaubarer seit je

im flur hängt das fernglas
als käme er später noch vorbei
als sei da ein purpursegel im hinterhof

aus: 6 Gedichte über Sterben und Tod

Inwieweit ist dein Schreiben immer auch ein Gespräch mit den Toten? Oder Untoten? Den Gespenstern? Kann es gelingen?

Anna Hoffmann: Mit Verlust und Tot kenn ich mich aus. Weißt du, ich habe meine Mutter gehasst und meinen Vater geliebt und beide verloren, vor zwei Jahren erfahren, dass mein Vater nicht mein Vater war, tja, mit elf Jahren habe ich auf einen Polizisten geschossen (nicht erschossen), ich habe Kinder geboren und abgetrieben, ich wurde vergewaltigt und habe geliebt und betrogen und wurde betrogen nicht nur von Menschen, von einem ganzen Staat.
Meine Toten und Gespenster begleiten und geleiten mich durch die Sprache. Meine Lieben übrigens auch.
Woher die innere Notwendigkeit zu schreiben rührt, bleibt im Dunkeln. Was ich weiß, ist, dass ich schreiben muss, um zu überleben. Lesende hin oder her. Schreiben ist auf erster Ebene Selbstzeugnis und wenn es darüber hinauszugehen vermag, durch die Gestaltung, wird es Kunst.

wie soll ich durch die helle kommen
ich hab den mund zu rot genommen

Chomsky meint, Sprache ist nicht zum Kommunizieren gemacht, sondern Selbstzeugnis. Ansonsten wäre das System Sprache nicht so anfällig für Missverständnisse. Kommunikation als permanentes Missverständnis. Aus nicht notwendigerweise korrekten Ideen entsteht oft der Kern meiner Gedichte. Ich erkläre die Gedankenspiele nicht, ich wende sie an und zeige sie im Text.

Du hast ein angefülltes Leben mit Kindern und einem Brotjob – was für einer ist es, willst du darüber sprechen? –, du schreibst nicht nur Lyrik, sondern auch Songtexte, Libretti, Prosa, Theaterstücke. Die Zusammenarbeit mit anderen Künsten und Künstler:innen ist dir offensichtlich wichtig; du gestaltest auch Hörbücher mit deinen Texten. Was kommt als Nächstes? Und was wünschst du dir für dein Schreiben, jetzt und in der Zukunft?

Anna Hoffmann: Ja, ein Leben, das um 5:30 Uhr beginnt, mit meinen Kindern, dem Hamsterrad, voller Lachen und Sorgen und anderer Klischees. Und nein, womit ich mein Geld verdiene, gehört nicht hierher. In dem Leben trage ich sogar einen anderen Namen.
Gerade sitze ich an einem Theaterstück. Und ich bin gebeten worden, ein Opernlibretto zu schreiben. Und weil ich fauler als Baudelaire bin, werde ich aus dem Theaterstück das Libretto formen, und wenn der Verleger sein Angebot so lange aufrechterhält, bis ich so weit bin, wird es ein weiteres Buch mit Gedichten geben.
In der KünstlerInnenkooperative werden neue Projekte entwickelt. In der Reihe T o T (Theater ohne Theater) erscheint in diesem Jahr das Heft 3, DAS RETTUNGSWESEN in Zusammenarbeit mit Torsten Bohm. Er ist ein Künstler, der vielleicht noch konsequenter, seltsamer und eigener arbeitet als ich.
Was ich mir wünsche für die Zukunft: nicht zu erlöschen oder zu verblöden, mehr Geld für weniger Lohnarbeit, mehr Zeit zum Schreiben und Champagner trinken.

Danke Ulrike Schrimpf und Anna Hoffmann für das lustvolle Gespräch!

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