Thomas Pfenninger: Gleich, später, morgen (Kommode Verlag)

Foto © ninita_7

Wer Gleich, später, morgen des Schweizer Autors Thomas Pfenninger liest, wird vielleicht an Charles Bukowskis berühmteste Figur denken: Im Mittelpunkt des Romans steht ein Briefträger und seine Sicht auf die Welt oder – um konkret zu sein – seine Sicht auf die Bewohner einiger Straßenzüge in Zürich. Ganz im Gegensatz zu Bukowskis Mann mit der Ledertasche (1974) haben wir es aber nicht mit einem Briefträger zu tun, der säuft, wettet und sich zahllosen Affären hingibt, sondern mit einem, der so sehr mit den Menschen in seiner Umgebung fühlt, dass er ihnen jeden Schmerz ersparen möchte:

Er bekam Herzweh, wenn andere Leid oder Unfairness traf. Das ist an und für sich eine gute Eigenschaft. Wie wäre die Welt, wenn ein solcher Charakterzug nicht nur ab und zu einen Menschen wie ein zufälliger Streifschuss träfe?

Ja, wie wäre die Welt, wenn alle so empathisch wären wie der Briefträger in Thomas Pfenningers Debütroman aus dem kleinen, sehr beachtlichen Zürcher Kommode Verlag von Annette Beger? Vermutlich ein bisschen schöner, aber offenbar auch ein wenig chaotischer. Das Chaos beginnt damit, dass der Protagonist in allerbester Absicht unangenehme Post nicht ausliefert: Mahnungen, Gerichtsbriefe und Todesanzeigen, aber auch nervige Postwurfsendungen verschwinden kurzerhand im doppelten Boden seines Moped-Anhängers. Als der Briefträger aber die unterschlagene Post bei sich zu Hause öffnet und den niederschmetternden Inhalt so mancher Sendung liest, endet alles damit, dass er Briefe fälscht oder die offenen Rechnungen eines kaufsüchtigen Ehepaars begleicht – so lange, bis sich kein einziger Franke mehr auf seinem Konto befindet.

Die Geschichte erinnert allein schon deshalb weniger an Charles Bukowskis ersten Roman, sondern mehr an Hans im Glück der Brüder Grimm: Es ist herzzerreißend, wie der namenlose Protagonist in diesem Roman aufgrund seiner Gutmütigkeit und Arglosigkeit in große Schwierigkeiten gerät.

Eine besondere Stärke spielt Pfenninger in jenen Szenen aus, in denen er seinen Protagonisten einen genauen Blick auf die Geschichten jener Menschen werfen lässt, deren Post er ausliefert (oder eben nicht ausliefert). So gibt es einige besonders warmherzige Schilderungen des Schicksals eines Drogensüchtigen, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Auch die Kaufsucht des Ehepaars wird so erzählt, dass man sich in deren Lage versetzen kann. Nie würde der Protagonist das Unglück anderer mit einem achselzuckenden „selbst schuld“ quittieren, immer sieht er die nicht so leicht erkennbaren Hintergründe. Und auch sonst glänzt dieser Roman durch feine Beobachtungen des Alltags:

Der Großvater nickte, wie er immer nickte, mit der ihm eigenen unendlichen Gutmütigkeit, aber mit einer solch distanzierten Abwesenheit in der Bewegung, dass man nicht wissen konnte, ob er überhaupt zugehört hatte. Das war die Geste, die von ihm blieb. Das war seine Geste.

Die Tätigkeit des Briefträgers gibt dem Roman einen Rahmen, der es ermöglicht, interessante Alltagsbeobachtungen und gesellschaftlich relevante Subplots zu erzählen. Der Autor bildet somit einen Mikrokosmos durchaus sozialkritisch ab. Dass eine der Nebenfiguren, ein fast klischeehaft überkorrekter „autochthoner“ Schweizer, der ständig auf die Erfüllung aller Pflichten pocht, den Namen „Ernst Schweizer“ trägt und nicht gerade ein Sympathieträger allerersten Ranges ist, kann vermutlich als Kritik des Autors am Denken so mancher Landsleute gelesen werden.

Ein wenig wird das Lesevergnügen leider dadurch geschmälert, dass der Roman an vielen Stellen auf allzu oft verwendete Sprachbilder zurückgreift. So fährt der Briefträger „sein Mofa, als wäre es ein Schlachtross, mit dampfender Mähne und geblähten Nüstern“, Adern auf der Haut schimmern „wie ein Flusssystem, gesehen aus dem Orbit“, Wut trägt irgendwo „Früchte wie ein Apfelbaum im September eines Apfeljahres“. Die Metaphern scheinen, um in der Sprache des Autors zu bleiben, buchstäblich und ohne jede Notwendigkeit wie Gesteinsbrocken aus dem Weltall gefallen zu sein. Außerdem scheint der Autor durch Verkleinerungsformen das Niedliche der Zürcher Siedlung betonen zu wollen, denn mehrfach ist die Rede von „Mäuerchen“, „Gartentörchen“, „Streifchen“ oder „Sträßchen“, und natürlich sitzen auf den Bäumen „Vögelchen“. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen.

Insgesamt aber ist der Roman – zumal für ein Debüt – sehr gelungen und wirft die äußerst aktuelle Frage auf, welche Art des Zusammenhalts es in Gemeinschaften geben soll und wie man Solidarität leben kann.

Dank an Beate Kniescheck

  • Thomas Pfenninger: Gleich, später, morgen. Roman. Zürich: Kommode Verlag 2022. 276 Seiten, Hardcover. 22 Euro

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