Laura Holder: VERSUCH, DICH ABZUSCHREIBEN (mikrotext)

Man kann auch Hälften halbieren (Notizen zu Laura Holders VERSUCH, DICH ABZUSCHREIBEN)

Laura Holder hat sich in ihrem Lyrikdebüt VERSUCH, DICH ABZUSCHREIBEN (erschienen 2021 im Berliner Verlag für neue Literatur mikrotext und illustriert von Veronika Kabas) dem Thema Liebe angenommen. Dass ihre Gedichte dabei ausschließlich mit Versalien und großzügig gesetzten Zeilenumbrüchen arbeiten, mag auf den ersten Blick irritieren. Schnell wird jedoch klar: Hier werden Liebesbeziehungen als nur schwer zu lösende Kreuzworträtsel inzensiert – das lyrische Ich immer auf der Suche nach den passenden Begriffen, nach den passenden Lösungswörtern.

Mindestens genauso schnell wird beim Lesen aber auch klar: Mit diesen Kreuzworträtseln stimmt etwas nicht. Das lyrische Ich bekommt vom Gegenüber nur kryptische Hinweise und viele der Wörter scheinen nicht in die dafür vorgesehenen Kästchen zu passen. Fast scheint es, als würden zwei verschiedene Sprachsysteme aufeinanderprallen, inklusive vorprogrammierter Übersetzungsfehler. Leichter wäre es, einfach zu schweigen: „DU SOLLST / DEINEN MUND HALTEN / UND MEINEN / DANN AUCH.“

Laura Holders Texte berühren viele Facetten und Stadien des Verliebtsein. Manchmal kippen die Formulierungen ins Melodramatische, wenn zum Beispiel die Wörter des Gegenübers mit Spermien verglichen werden, die versuchen sich einzunisten, oder das mittlerweile überbeanspruchte Kryptonit herbeizitiert wird. Aber man kann den Gedichten dieses Pathos verzeihen, weil sie die übertriebenen Gesten des Vermissens dadurch indirekt zum Thema machen. Die Texte zelebrieren die von Gefühlsverwirrungen ausgelösten Zustände und zeigen schonungslos auf, wie wenig wir auf unsere Sprache in solchen Momenten vertrauen können. Wie gern sie abrutscht in Klischees und Allgemeinplätze. Wie austauschbar diese Augenblicke des Verliebtseins auch sind.

Die Gedichte lassen sich als Schichten einer Atmosphäre lesen, durch die das lyrische Ich fällt. Insgesamt werden drei (mehr oder weniger zum Scheitern verurteilte) Versuche unternommen, ein nicht näher benanntes Du abzuschreiben. Was bedeutet es, verliebt zu sein, sich auf ein Gegenüber, eine Beziehung einzulassen? „UNENDLICH VIEL SORTIEREN“, so die Antwort in einem der Texte. Mit dem Sortieren gehen oft auch das Rechnen und Berechnen einher. Die traurige Wahrheit: „MAN MANN AUCH / HÄLFTEN HALBIEREN.“ Und was dabei in Liebesdingen rauskommt, ist – gegen alle mathematische Logik – oft weniger als ein Viertel.

Der Lyrikband kann als ein Monolog gelesen werden, „BIS ICH LEER BIN / UND DU / NICHT MEHR DA“. Die darin versammelten Texte sind aber darüber hinaus auch ein Zeitdokument, wenn sie den Anfang der Corona-Pandemie („HATTE WAS IN LOCKDOWN TIMES / ABER JETZT HALT WIEDER BUSY“) oder den Terroranschlag in Wien vom 2. November 2020 thematisieren, verknüpft mit der Frage: Was passiert, wenn eine Sprachlosigkeit von einer zweiten umwickelt wird?

Laura Holders Gedichte bergen aber genauso viele komische Stellen, wenn man bereit ist, sich auch auf diese Lesart einzulassen. Zum Beispiel, wenn das Gegenüber mit einer Kolonialmacht verglichen wird, die Kultur vor Ort mit seiner eigenen penetriert „UND SICH DABEI VOR ALLEM SELBST / GEIL FINDET“. Oder wenn mit einem bestimmten Typus Mann abgerechnet wird: „ANFANG DREISSIG / UND EIN CIS MANN / KEINE ANGST / HAB EH NIE / DRAN GEGLAUBT.“

Die Texte in VERSUCH, DICH ABZUSCHREIBEN sind ein erster, ein zweiter, ein dritter und schließlich ein letzter Anlauf, über die Liebe zu schreiben und gleichzeitig ihr Scheitern zu zelebrieren. Passend daher auch der Schluss des Bandes: In einer letzten Anstrengung beschließt das lyrische Ich, Meere zu weinen, so lange, bis das Du wegschwimmt. Dieses kommt aber als Wellen immer wieder retour. Und es kommt wie es kommen muss: Die Bemühungen des lyrischen Ichs sich dagegenzustellen enden, wie so viele Versuche in diesem Buch, mit einem Eintauchen und Untergehen.

Dank an Martin Peichl (Fotos © Martin Peichl)

  • Laura Holder: VERSUCH, DICH ABZUSCHREIBEN. Berlin: mikrotext 2021. 88 Seiten, Perfect Paperback. 14,99 Euro. E-Book 7,99 Euro.

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