Lüthi liest (im Januar): Literatur, Engagement, Zugehörigkeit

Was können, dürfen oder gar sollen die Erzeugnisse kultureller Arbeit? Mit welchen Mitteln soll der kulturelle oder der literarische Raum gestaltet werden? Wer gehört dazu? Weil die Antwort auf diese Fragen kaum einheitlich beantwortet werden kann (glaube ich), folgt eine anekdotische (also schlechte und bewusst unvollständige) Beweisführung an vier aktuellen Veröffentlichungen.

Ruiniert Euch!

Ruiniert Euch! – Literatur, Theater, Engagement befiehlt der in GT Sectra gesetzte Sammelband (2021) aus dem Hause starfruit publications bereits im Titel lautstark. In der wuchtigen, von Christiane Lembert-Dobler, Manfred Rothenberger, Anne Schuester, Sebastian Seidel und Stephanie Waldow herausgegebenen Anthologie sind 36 Beiträge versammelt, die von Gedichten über Fotostrecken, Interviews und Essays einer gemeinsamen Frage nachgehen: Wie verbinden sich Kultur und Engagement? Wie politisch müssen kulturelle Erzeugnisse sein, wie prominent müssen sie zeitgenössische Themen betrachten?

Die Stimmen und Thesen dazu sind, wie könnte es anders sein, vielstimmig, widersprüchlich, fordernd. Der Band beginnt mit einem Selbstgespräch von Sebastian Seidel und Stephanie Waldow, das dermassen von akademisch-kulturellem Geschwurbel getränkt ist, dass ich ihn danach am liebsten schon wieder weggelegt hätte. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn es wird besser. Reyhan Şahin (den meisten wohl als Rapperin Lady Bitch Ray bekannt) beschwört den „Pussyrealtalk“ und liefert damit den ersten starken Kontrast in diesem so kontrastreichen Werk.

Politische Kunst zu machen ist so damned ice.

In dieser Vielfalt der Stimmen schreibt Pierre Jarawan über das Thema Migration in der Literatur, Dorothea Marcus befragt Milo Rau, Zoë Beck schreibt über die Initiative „Verlage gegen rechts“, Ronya Othmann wendet sich der Sisyphusarbeit zu. Und Paula Fünfeck schreibt den vielleicht überzeugendsten Essay im ganzen Buch, weil er so präzise ist, dass darin kein einziges Wort fehl am Platz ist. Die Dichter*innen Elke Erb, Ann Cotten, Yevgeniy Breyger, Ulf Stolterfoht oder Monika Rinck umrahmen mit Gedichten.
Einziger Tiefpunkt: Mit Matthias Politycki äußert sich ein weiterer Mann anhand ein paar aus der Grammatik abgeleiteten Argumenten zum Thema Gendern (Ich möchte hier betonen: Die Linguistik ist eine empirische Sozialwissenschaft und damit sind auch ihre Erzeugnisse deskriptiv, nicht normativ. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?). Manchmal wäre auch Schweigen eine gute Option.

Gerade weil der darauffolgende Essay von Markus Ostermair so eindrücklich zeigt, welche Macht die Sprache hat. Ostermair hat mit seinem Roman Der Sandler (2020) erst unlängst einen Bestseller geschrieben (der übrigens im kleinen Osburg Verlag erschienen ist, weil die grossen Verlage alle keinen Mut hatten, das Thema Obdachlosigkeit zu behandeln) und beschreibt, wie er als Bauernjunge seinen Platz in der Literaturszene gefunden hat. Noch heute zuckt er beim Wort „Bauer“ zusammen, weil es seit jeher so beiläufig als Beleidigung verwendet wurde. Und damit ist über die Sprache und die damit ausgelöste Machtlosigkeit mehr gesagt als durch jedes vorangegangene pseudowissenschaftliche „Argument“.
Ruiniert Euch! wirft viele spannende Fragen auf und gibt keine einzige Antwort. Wie immer bei Anthologien ist die Qualität der Beiträge schwankend und reicht von klug-besonnen bis zu dummdreist (Sie wissen, wen ich meine). Aber trotzdem bleibt sie versöhnlich, wenn Christiane Neudecker ganz am Schluss die vielleicht wichtigste Frage stellt, die jedes literarische (und kulturelle) Erzeugnis begleitet: „Wer wird das schon lesen, bis hierhin. Sie?“

Brotjobs & Literatur

Ja, diese Frage stelle ich mir manchmal auch, wenn wieder ein besonders schlechtes Buch vor mir liegt. Aber was bei all diesem kulturellen Brimborium manchmal vergessen wird – die Buchbranche ist immer noch genau dies, eine Branche, also ein Geschäft. Ein Wirtschaftszweig, in dem entlang einer Wertschöfpungskette monetärer Wert erzeugt wird (sorry, das war der innere Betriebswirt. Grüsse an Michael E. Porter). Dass der erzeugte Wert nicht gleichmässig zwischen den Kettengliedern verteilt ist, ist ein offenes Geheimnis, und oft sind es gerade die Erzeuger*innen am Ursprung der Kette, bei denen wenig bis gar nichts von diesem monetären Wert ankommt. Genau damit beschäftigt sich die Textsammlung Brotjobs & Literatur (2021), erschienen im Verbrecher Verlag. Entsprungen ist die Idee dazu einem Facebook-Post von Dinçer Güçyeter, der ihn in einem Gabelstapler zeigt. Bei seiner Arbeit, mit der der Lyriker und Verleger des ELIF VERLAGs einen Teil seines Geldes verdient. Ein Brotjob eben.
Zu meinem Erstaunen wurde der von Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt, Christoph Wenzel herausgegebene Band schon erstaunlich oft besprochen. Meist mit dem Unterton, gut, dass endlich jemand darüber redet. Gut also, dass uns Daniela Seel, Janna Steenfatt, Swantje Lichtenstein, Dominik Dombrowski oder Adrian Kasnitz erzählen, wie sie das alles so hinbekommen, Schreiben und genügend Geld zum Leben haben. Eine Familie gründen. Bücher verlegen.

Den Band empfand ich als bereichernde Lektüre. Weil darin so vieles richtig gemacht wird, viele Stimmen zu Wort kommen und jede*r Autor*in der ganz eigene Stil und Umgang mit dem Thema angetraut wird. Die Rezeption habe ich aber mit Verwunderung beobachtet. Vielleicht war das auch wieder die schweizerische Perspektive, weil hier niemand ernsthaft Literarisches Schreiben studieren wird und dann glaubt, problemlos davon leben zu können. Aber auch, weil sich der Literaturbetrieb selbst so furchtbar wichtig nimmt. Das war etwa abzusehen in der Besprechung des Bandes von Felix Pütter im Magazin für übersetzte Literatur TraLaLit. Dessen hauptsächliche Kritik an Brotjobs & Literatur war, dass darin keine Übersetzer*innen zu Wort kommen.
Dabei ist doch von vornherein völlig klar, dass dieser Band keinen Vollständigkeitsanspruch stellt, mit Ausnahme von Balint sind alle Herausgeber*innen Lyriker*innen und auch der Grossteil der Beitragenden kommt aus der Lyrikszene oder veröffentlicht seine Werke in kleinen, unabhängigen Verlagen. Völlig klar, dass dieser Band – auch wenn das Herausgeber*innen-Kollektiv sinnigerweise anderes behauptet im Vorwort („breites Spektrum von Arbeitsverhältnissen“), aber man denkt die eigene Arbeit ja immer als genereller, als sie es tatsächlich ist – nur einen Bruchteil von Arbeitsverhältnissen abbilden kann (und soll) und völlig klar auch, dass die Lyrik- und kleine Verlagsszene für einmal absolut überrepräsentiert ist. Gerade diese Perspektive macht doch den Reiz des Bandes aus, weil die meisten Beitragenden den Brotjob schon längst akzeptiert haben und es nun darum geht, diesen in Einklang mit dem Schreiben zu bringen.
Es ist in den meisten Fällen eben kein Jammern, meine Güte, was werde ich als unglaublich wichtige Erzeuger*in ach so wertvoller literarischer Erzeugnisse nicht entsprechend entlohnt, sondern eine deskriptive Auseinandersetzung mit dem Ist-Zustand. Und der beinhaltet in den meisten Fällen nunmal einen Brotjob. Weil halt in dieser Wertschöpfungskette Buch deren Urheber*innen oftmals nicht genug abbekommen, um sich das eigene Überleben mittel- bis langfristig zu sichern. Ob das jedoch gerecht ist, ist wiederum eine andere Frage.

Check your habitus

Gerade deshalb wünsche ich mir mehr solcher Bände. Als nächstes Brotjobs & Übersetzen, danach Brotjobs & Literaturkritik usw. usf. Dieser erste Band kann keine endgültige Lösung für alle Fragen sein, sondern nur ein erster, wichtiger Schritt. Um mehr und vertieft über Arbeitsverhältnisse zu sprechen, damit sich mehr junge Menschen überlegen können, wie und ob sie Teil dieser Branche werden wollen. Eine genauso wichtige, vielleicht noch wichtigere Anthologie nennt sich Check your habitus (2021) und ist im SUKULTUR Verlag erschienen, herausgegeben von Daniela Dröscher und Paula Fürstenberg. Ein schmales, 44-seitiges Heft, entstanden aus dem gleichnamigen Onlineprojekt, bei dem sich 18 Autor*innen 21 Tage lang zu einem bestimmten Thema geäussert und dabei die eigenen Verhaltensmuster überprüft haben.

Als Jurymitglied lese ich den Text eines Bewerbers, befühle das Papier. 120 g/m2, 30 Seiten in fünffacher Ausführung. Auf manchen Seiten ist nur ein Satz getippt: Ich empfinde die Verschwendung dieses weißen Raumes als Anmaßung; als würde der Satz in dieser Leere an Gewicht gewinnen, wenn er in Einsamkeit gehalten wird; ich frage mich, wer sich so Papier leisten kann.

Karosh Taha

Der Bildungsaufstieg oder der Milieu- und Klassenwechsel sind die Antriebskräfte dieser Anthologie. Die 18 Beitragenden werfen aus verschiedensten Blickwinkeln Themen auf und halten (unter anderem) dem Literaturbetrieb den elitären Spiegel vor. Aber auch hier ist es weniger der anklagende Ton, der vorherrschend ist, denn die Innensichten, die mit dem Aufstieg verbundenen Unsicherheiten, das Gefühl der Nichtzugehörigkeit, sind noch viel präsenter. Mit das beeindruckendste an Check your habitus ist genau dies, diese nie abgelegte Fremdheit in nicht mitgegebenen Bildungsmilieus.

Grundsätzlich unvorbereitet

Um zu einem Abschluss zu kommen, der sowohl versöhnlich ist, aber auch einen Bogen zur ersten Anthologie spannt: In Grundsätzlich unvorbereitet (2021), ebenfalls aus dem Verbrecher Verlag, sind 99 Kolumnen von Milo Rau versammelt, der darin seine eigene Theaterarbeit, Kultur und Engagement verhandelt. Rau ist als Regisseur bekannt für seine Projekte wie Das Kongo Tribunal (2015) oder Die 120 Tage von Sodom (2017), mit denen er einerseits globale Missstände thematisiert, andererseits aber auch immer wieder ganz bewusst provoziert und polemisiert. In seinen Kolumnen ist Rau hingegen ein reflektierter Beobachter seiner Selbst und der Welt und ein erstaunlich pointensicherer Erzähler. Raus Kolumnen sprechen aber nicht nur über Engagement und Politik, sondern auch über den kreativen Schaffensprozess. Damit liefert Rau auch das Schlusswort für diese heutige Kolumne, weil er im Kern zusammenbringt, was jeden kreativen Prozess begleitet und sich immer zeigen wird, egal wie politisch, engagiert, aufgestiegen, etabliert oder selbstsicher man ist:

Seit ich Intendant bin, sehe ich Regie-Altmeister mit Dingen kämpfen, die man nach der ersten Produktion für abgeschlossen halten würde. Als Künstler:in steht man immer völlig am Anfang. Ich glaube, man versteht dieses Ausgesetztsein nur, wenn man es tagtäglich selbst erlebt.

Dank an Nick Lüthi von BookGazette

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