Motivische Begegnungen mit Ilse Aichinger. Von Isabella Feimer

(Anstelle einer) Besprechung

Meine erste Begegnung in einer Küche, einer mir fremden, genauer gesagt in der Küche von Ilse Aichingers Großmutter, die die Schriftstellerin in Kleist, Moos, Fasane zu Beginn des Textes beschreibt:

Sie war schmal und hell und lief quer auf die Bahnlinie zu. An ihren guten Tagen setzte sie sich auch darüber hinaus fort, in den stillen, östlichen Himmel hinein. An ihren schlechten Tagen zog sie sich in sich selbst zurück. Sie war überhaupt eine unverheiratete Küche, etwas wie eine wunderbare Jungfer, der die Seligpreisungen der Bibel galten. Abgeblättert und still, aber nicht zu schlagen.

aus: Aichinger, Kleist, MoOs, fasane (S. fischer 1987)

Es war eine eruptive Begegnung mit dem Werk der großen österreichischen Schriftstellerin, die am 1. November 2021 einhundert Jahre alt geworden wäre, etwas in mir ist mit diesen Zeilen, mit dem Lesen des Textes aufgebrochen, ein eigener Raum, ein eigenes Erinnern. Nur kurz jedoch, nur so ein Blitzlicht. Denn es sind ausschließlich Aichingers Räume, die man betreten darf, die sich ob ihrer erzählerischen und dichterischen Kraft sogleich wieder über die eigenen legen. Auch ob ihrer Motive, die eng mit dem Leben und den persönlichen Erfahrungen der Schriftstellerin verknüpft sind, sie wieder und wieder aufgreifen. Und gut so. Sie sollen für sich stehen, sie müssen, man darf sie sich nicht aneignen dürfen, nicht die Zeit, die sich in ihnen sammelt, nicht das Erlebte, das ihnen vorausgegangen ist. Man darf nicht so vermessen sein, sich in ihnen spiegeln zu wollen. Was man darf, ist ihnen begegnen.

Den Räumen und Motiven, dem Erinnern und vor allem der Sprache Ilse Aichingers zu begegnen, ist der Versuch, einen Zugang zu erlebter Geschichte zu finden – den Gräueltaten im nationalsozialistischen Regime, der Deportation der Großmutter in ein Konzentrationslager, deren Zeugin Aichinger gewesen war. Die Zeugenschaft eines katastrophalen Krieges, der in den Werken stets gedacht wird, der wir Lesenden stets gedenken und von der die Sprache der Schriftstellerin spricht. Spricht? Nein, schweigt.

„Das Schweigen gehört für mich zum Wichtigsten auf der Welt, weil es nicht etwas Leeres, sondern etwas Erfülltes ist (…) Es hat auch mit dem Schreiben sehr viel zu tun. Jeder Satz, den man schreibt, muss durch ungeheuer viel ungeschriebene Sätze gedeckt sein, weil es sonst gar nicht dasteht“, zitiert Claudia Fahrenwald Ilse Aichinger, führt in ihrer Begegnung aus, die sich in dem unlängst erschienenen Band Ilse Aichinger Wörterbuch (Wallstein Verlag, 2021) findet, dass diese Haltung zum Schweigen als Schwierigkeit, etwas zu sagen, interpretiert werden kann und dass sich das Sprachliche der Schriftstellerin vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Schweigen vollzieht.

In über siebzig Essays wird sich in Ilse Aichinger Wörterbuch auf Spurensuche in Querverbindungen und zeitgeschichtlichen Kontexten begeben, Ausgangspunkt dabei sind Wörter, die in Aichingers Werk zu finden sind und die sprachlich wie persönlich Bedeutung haben. Großmutter, Dover, Misstrauen, Schnee, der im Sommer zu Heu wird, der Osten, das Beerensuchen. Ann Cotten, zum Beispiel, widmet sich klarsichtig und verknüpfend der Lücke, die sie gegen den Begriff des Schweigens stellt:

Eine Lücke ist nicht Schweigen. Schweigen wird gehört, das ist bei einer Lücke nicht garantiert; Schweigen macht sich als Präsenz bemerkbar; bei der Lücke muss man erst überhaupt draufkommen, dass etwas fehlt.

aus: ann cotten, ilse aichinger wörterbuch

Christine Ivanovic wiederum nimmt sich dem Verschwinden an. Das Verschwinden, schreibt sie, sei als zentrale Trope im gesamten Werk Aichingers nachzuweisen, es wird als sprachlicher Akt vergegenwärtigt und findet sich als oft geäußerter Wunsch der Schriftstellerin, die das Verschwinden im Kino geübt hat.

Erhellend ist es, den Motiven der Schriftstellerin im Wörterbuch zu begegnen, sie dank der wertschätzenden Annäherungen und expliziten Betrachtungen der Verfasser*innen zu studieren, in sie zu schlüpfen und dann wieder fliegen zu lassen. Wie Vögel.

Über das Motiv Vögel schreibt Teresa Präauer im Wörterbuch:

Und oft genug kommt es vor, dass die Vögel in den Texten der Ilse Aichinger auch nicht dem Ei entschlüpft sind, sondern den Wörtern, den Begriffen, der Topografie. (…) Die Namen der Straßen und Orte sind ins Erinnern eingeschrieben. Es werden daraus Vögel, die ausfliegen und wieder eingefangen werden.

aus: teresa präauer, ilse aichinger wörterbuch

Präauer hat sich auch in einer anderen Publikation mit Ilse Aichinger auseinandergesetzt, der in Buchform erschienenen Festrede anlässlich des hundertsten Geburtstages der Schriftstellerin. In dieser lehnt sich Präauer formal an Aichingers berühmte Spiegelgeschichte (1949) an, in der sie das Leben einer Frau vom Tod bis zur Geburt nachzeichnet. Rückwärts erzählend beginnt Teresa Präauer über Ilse Aichinger (Mandelbaum Verlag, 2021) mit dem Spätwerk, dem Verschwinden und einer Sprache, die an Grenzen geht und über sie hinaus und dabei Gefahr läuft, wie Präauer an einer Stelle schreibt, ihre Stimme zu verlieren.

Persönlich, so wie Aichinger stets geschrieben hat, dem zarten Erinnern verhaftet und begleitet von den Texten der Schriftstellerin – unter anderem einem Auszug aus Aichingers Roman Die größere Hoffnung (1948) – zeigt sich Präauers Begegnung. Sie verknüpft, führt aus, fragt nach und würdigt die bedeutende Poetik der großen Schriftstellerin.

Persönlich ist auch der Zugang, den Jutta Sauer in dem biografischen Essay Wie nur ein Haifisch trösten kann (Aviva Verlag, 2021) wählt, um sich der Schriftstellerin und ihrem Werk zu nähern. Sauer begegnet Ilse Aichinger in der Zeit, in der sie lebte und darüber hinaus, begegnet der Zeit und ihrer Geschichte selbst und zieht Fäden zu anderen Schriftsteller*innen, wobei das Leben Aichingers der Ausgangspunkt bleibt. Sauer schreibt:

In diesem einzigartigen Werk, das alles andere als ein Bericht ist, verschmelzen Imagination und Wirklichkeit in vielen traumhaften, phantastischen Bildern. Durch ihre expressive und klare Sprache wird die erlittene Realität auf eine Weise poetisiert, die Verfolgung und antisemitische Gewalt zeitlos werden lässt.

aus: jutta sauer, Wie nur ein Haifisch trösten kann

Das Zeitlose des Werkes wird der Zeit gegenübergestellt, der Zeit und ihren Orten, Wien zum Beispiel, in das Aichinger zurückkehrt, weil es Teil ihrer Biografie ist, Wien, wie Jutta Sauer feststellt, das ein imaginärer Ort ist und bleibt, der die zurückblickende Erinnerung an die Stadt jetzt zunehmend mit ihrer Gegenwart verbindet. Bewegend skizziert Sauer Aichingers Erinnern in der Zeit, der die Sprache in ihrem Wunsch zu schweigen einen Spiegel vorgehalten hat, bewegend wird in diesem Essay eine Persönlichkeit gezeichnet, die sich der Sprache in einer ihr eigenen Zeitlosigkeit verschrieben hat.

Apropos Spiegel. In den Radio-Essays Die Frühvollendeten (Edition Korrespondenzen, 2021) ist es Ilse Aichinger, die der Zeit begegnet und sich, indem sie über Leben und Werk von ihr geschätzten Persönlichkeiten der vorangegangenen Epoche schreibt, in einen Spiegel setzt. Sie tritt in Dialog mit den Stimmen von Georg Trakl, Alain-Fournier, den Geschwistern Scholl, Felix Hartlaub, Wolfgang Borchert und Adalbert Stifter. Alles andere als konventionell erzählt sie diese Dichterporträts, lässt die Schatten des Lebens in sie fließen und die Sprache der Porträtierten durch ihre eigene glänzen. Über Trakl, den Getriebenen, Rastlosen, der es kaum an einem Ort ausgehalten hat, schreibt sie: „Wie Fieberkurven muten seine Reisen zwischen den Städten an, wie Fieberkurven seine Gemütszustände, das Auf und Ab zwischen Mut und tiefster Verzweiflung.“
Und über Borchert: „Auch die Theorie, die Wolfgang Borchert sich über das Schreiben gebildet hat, ist eigentlich eine Theorie des Schweigens.“ Wie es die implizierte Theorie des Schweigens andeutet, begegnet Aichinger in den Dichterporträts auch immer ihrem eigenen Wesen, ihrem Schmerz, ihrer Poetik, ihrem Erinnern.
Über Stifter schreibt sie: „Immer erzählt er mit dem Staunen desjenigen, der die Finsternis, die Formlosigkeit, die Trauer kennt.“

Auch Ilse Aichinger kennt sie, die Finsternis, die Trauer, die Formlosigkeit, die nur Sprache in der Lage ist zu skizzieren, und wir dürfen dieser Sprache begegnen.

Dank an Isabella Feimer

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