Elke Steiner: Die Frau im Atelier (edition keiper)

Foto © Martin Lutze

Dieser Roman ist ein Hineinsinken, ein Spüren, ein lautes Schweigen, der Schmerz in der Stirn, die beiläufige Schwere, er ist der Duft von Haaren, ein Flappen, ein Flechten, ein gemeinsames Atmen. Er ist Stille und Gänsehaut.
Die Frau im Atelier ist Elke Steiners zweiter Roman. Es geht darin um Wunden aus der Vergangenheit, Verlust, Schmerz und Schuld, aber auch um die Liebe zu Kunst und Malerei. 

Der junge Maler Marius verlässt oft tagelang sein Atelier nicht, rührt Farben an, mischt, schüttelt, dosiert, prüft. Nur in den Momenten, in denen es ihm gelingt, mit den Farben eins zu werden, befreit er sich von den Dämonen, die ihn seit seiner Kindheit verfolgen. 

Er wird so lange im Dunkelgold versinken, bis die Zacken im Bauch verschwinden. Er wird in ein rhythmisches Pinseln verfallen, in etwas Weiches, das er auch gerne im Leben suchen würde, aber er weiß nicht, wo er da anfangen sollte. 

Es gehe ihr darum, das Unaussprechliche darzustellen, erzählt Elke Steiner. Nicht um die Schuld im Sinne einer juristischen Kategorie, auch nicht um die ödipale, unschuldige Schuld, sondern um etwas dazwischen. Etwas, was einem Kind passiert. Ein Hineinschlittern.
Am Anfang stand die Szene mit dem Kind in der Truhe, so die österreichische Autorin, eine solch beklemmende Szene, die sie nicht hatte stehen lassen können. Marius‘ verletzte Kinderseele schimmert nun in den Erinnerungen an die Truhe durch, die Steiner motivisch durch den Roman führt.

Du hast nach dem Haus meiner Kindheit gefragt, sagte er, siehst du die Truhe da drinnen? Sie stand in unserer Diele, und immer, wenn ich Angst hatte, habe ich mich hineingelegt. Aber kaum lag ich drinnen, wurde meine Angst noch größer.

Die poetische Kraft in Elke Steiners Sätzen fesselt und lässt nicht mehr los. Ihren Beschreibungen wohnt Tiefe inne. Das bloße Anrühren von Eitempera wird zum Stilmittel, mit dem sie Schicht für Schicht Marius‘ komplizierte und kaputte Seele freilegt.

Nicht gleich ist die Mischung homogen, noch ziehen Fäden von Weiß durch das Eigelb. So wie die Vergangenheit Fäden ins Heute zieht.

Elke Steiner ist selbst Künstlerin. Den Prozess des Eitemperamalens mit allen Sinnen könne man nur erfassen, erklärt sie, wenn man dabei sei. Es rieche tatsächlich nach Biskuit.

Die Angst ist allgegenwärtig in Marius‘ Leben. Sechs Wecker stellt er obsessiv jede Nacht, aus Angst einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen. Ist er gezwungen, das Haus zu verlassen, streift er mit Mütze und Kapuze durch die Stadt und meidet Menschen. Gelegentlich verlieben sich Frauen in den verschrobenen Maler mit den wunderbaren blauen Augen. Doch wenn er seine Mütze vom Kopf nimmt, flüchten sie, weil dort seine Behinderung zum Vorschein kommt, mit der sie nicht umgehen können. Da ist kein Ohr, sagt Marius dann.

Marius ist allein. Nur Wanja, der Wirt der russischen Kneipe im Erdgeschoss, weiß, was Marius braucht: Ruhe und Gin. Sie reden nicht viel, verstehen sich. Manchmal besorgt der stämmige Russe ihm auch eine Frau, „eine Cousine“. Wenn das Licht stimmt, geht Marius hinauf in sein Atelier und malt. Er malt Adele, wieder und wieder. Er malt Adele von hinten, von der Seite, niemals von vorn.

Er will sie nicht sehen, nicht ihre fest verschlossenen Augen und ihren verschlafenen Ausdruck, nicht ihr unbewegliches Gesicht. (…) er wird weiter mischen und weiter malen, bis die Angst aus den Bildern verbannt ist. Bis er dort angekommen ist, wo das Dunkelgold herkommt.

In dieses Leben platzt eine junge Frau mit Adeles langen, glänzenden Haaren aus Dunkelgold. Ihr Name ist Colette. Auch sie scheint verloren zu sein, sie wirbelt Marius‘ Alltag durcheinander, versteht es aber, ihn zu nehmen, wie er ist. Das erste Mal in seinem Erwachsenenleben spürt Marius sich selbst wieder, doch auch Colette flieht vor seinen Dämonen. Marius begreift, um Platz für Neues zu schaffen, muss er erst seine Vergangenheit bewältigen. 

Elke Steiner Foto © Sindy Brunner

Elke Steiners sinnlicher, sprachgewaltiger Roman hat mich gefesselt und tief gerührt.
Die Autorin ist über ein bewegtes Leben zum Schreiben gekommen. Sie hat viele Jahre in der Wirtschaft gearbeitet in London, Wien und Südafrika. Das Schreiben sei dabei immer mehr in ihr Leben geflossen, erzählt sie. Seit Umzüge, Firmengründung und Care-Aufgaben weniger Platz einnehmen, widmet sie sich am liebsten ihren Leidenschaften, dem Schreiben und der Kunst. Aktuell arbeitet sie mit der bildenden Künstlerin Ilona Rainer-Pranter an einer Text-Bild-Performance. Literarisch ergründet sie Neuland beim Schreiben einer Erzählung, in der sich narrative und lyrische Passagen abwechseln.

Elke Steiners Werk erscheint in der edition keiper. Der 2008 gegründete, familiengeführte Grazer Verlag hat sich der Liebe zur Sprache verschrieben. Das Programm hat einen Fokus auf deutschsprachige Gegenwartsliteratur mit dem Schwerpunkt Österreich.

Dank an Nikoletta Kiss

  • Elke Steiner: Die Frau im Atelier. Roman. Graz: edition keiper 2021. 176 Seiten, 20 x 12 cm, Pappband. 20 Euro

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