Björn Kern: Kein Vater, kein Land (Secession Verlag)

Foto © Couleur

Es ist kalt und unwirklich im neuen Roman des deutschen Autors Björn Kern, der von einer Alptraumreise erzählt und im Berliner Verlagspreis gekrönten Hause Secession erschienen ist. Ein Mann flieht mit seinem fünfjährigen Sohn aus der Großstadt. Er hofft, im alten Forsthaus seines Vaters Zuflucht zu finden. Angekommen im Wald an der polnischen Grenze ist dort jedoch nichts mehr, wie es war, der Alte ist weg, das Haus verrammelt, die Tiefkühltruhen leer, die Nachbarn nicht gerade freundlich.

Vater und Sohn ziehen weiter, sie sind zu Fuß unterwegs, kaufen Toastbrot und Streichkäse an einer Tankstelle, das Kind bekommt Milch, die Fische, die der Vater angelt und roh isst, sind ihm zuwider. Die Mutter ist im Spital – oder doch eher in der Psychiatrie? Der Autor erzählt in Rückblenden von einer frühen Liebe und einer späten Verwirrung, zeichnet seine Figuren jedoch nur schemenhaft. Nichts soll eindeutig sein in diesem literarischen Roadmovie, das das Vater-Sohn-Motiv ins Zentrum stellt. Es geht um die Angst und die Liebe eines jungen Mannes, der keine Begabung hat zum Vatersein – und der doch begreift, dass er sich nur durch die Fürsorge aus alten Zwängen befreien kann.
Als die beiden den Großvater endlich finden, ist er keine angsteinflößende Gestalt mehr, sondern ein Greis, der dem Kleinen unheimlich ist. Früher galt der Alte als aufmerksamer Förster, der Tiere nur erschoss, weil er sie erlösen, ihnen Leid ersparen wollte. Aber war dem wirklich so? Oder war er – wie erzählt wird – nur ein geschäftstüchtiger Mann, der die Felle über die Grenze verkaufte. Einerseits ist in dieser östlichen Einöde nichts mehr, wie es war, andererseits:

Es gab Dinge, die änderten sich nicht. Häute, Menschen, verlorene Hoffnungen, all das kam durch Groß Zeetz, auf dem Weg nach Osten, ins Luch. Alle kamen durch Zeetz, die es in den Osten drängte, die etwas loswerden oder etwas verschweigen wollten, denen die Leichen nachts aus den Kellern stiegen, die nicht bleiben konnten, da sie Ausgestoßene waren, die nur noch einen Lebensraum für sich kannten: die Weite des Luchs.

Es ist eine eindrucksvolle, eine dunkle Geschichte, in der Tiere mit blauen Zungen erschossen werden, die angeblich einer seltsamen, nicht genau benannten Seuche geschuldet sind, in der der Fluss den Tod bringen kann, weil chemische Abwasser hineingeleitet werden. Oder sind das alles nur irre Vorstellungen, die der Fantasie des alten Försters entspringen? Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Einbildung  ist undeutlich, die Realität könnte auch ein Traum sein, denn welcher Vater trägt sein Kind schon kilometerweit durch die Kälte, um es vor dem Kindergarten und medizinischen Untersuchungen zu bewahren?
Der Autor beschreibt eine menschenleere Landschaft, eine Grenzregion, die lange schon abgehängt ist von wirtschaftlichem Aufschwung und gesellschaftlicher Teilhabe, in der die Bewohner sich abgefunden haben mit ihrer aussichtslosen Lage. Er entwirft düstere Bilder, in denen allerdings die Liebe des Vaters zum Kind leuchtet und in denen die Überlebensstrategien des Kleinen mindestens so eindrucksvoll sind wie die des Großen. Am Ende steht der Zweifel. Und die Hoffnung auf ein Leben jenseits des Flusses.

Dank an Manuela Reichart (adapiert und erweitert, Original auf Dlf Kultur)

  • Björn Kern: Kein Vater, kein Land. Berlin: Secession Verlag 2021. 143 Seiten, gebunden. 18 Euro. E-Book 14,99 Euro.

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