Sigrid Undset: Kristin Lavranstocher, Der Kranz (Alfred Kröner Verlag)

Foto ©Lucdecleir

Der Kranz ist der erste Band einer im 14. Jahrhundert in Mittelnorwegen spielenden Trilogie. Er endet mit der Hochzeit Kristins, die sich vom folgsamen Mädchen zu einer eigenwilligen jungen Frau entwickelt hat. Die einflussreiche norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset (1882–1949) erhielt vornehmlich für dieses Werk im Jahr 1928 den Nobelpreis, ausgezeichnet wurden „ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“.

Band 1 ist bereits im Mai im Stuttgarter Traditionsverlag Alfred Kröner erschienen, wo man sich auch mit den beiden Folgebänden sorgsam um die vollständige Neuübersetzung des Werkes durch Gabriele Haefs bemüht. Die Frau ist im Oktober 2021 erschienen, Band 3 Das Kreuz folgt im Frühjahr 2022.

Kristins Eltern sind der hochgeachtete, „als friedliebend, zurückhaltend und gerecht, zuverlässig, höflich“ geltende Lavrans, der „in wenigen Jahren (…) einen gewaltigen Grundbesitz an sich“ brachte, „jedoch seinen Pächtern ein guter und hilfsbereiter Grundherr“ war. Die Mutter Ragnfrid ist nach dem Tod ihrer ersten drei Söhne schwermütig, sie meidet die Menschen, ist jedoch fleißig und gerecht.
Kristin darf ihren Vater schon früh auf Reisen begleiten – ob in die Berge, in die Stadt Hamar, dem damaligen geistlichen Zentrum Norwegens, oder nach Oslo. Lavrans will seiner Tochter zeigen, in welcher Welt sie lebt. Die Beschreibungen verschiedener Landschaften und Städte, aber auch der gesellschaftlichen Verhältnisse bilden nicht nur den Hintergrund des Romans, sie machen einen großen Teil seiner Faszination aus. Sigrid Undset versteht es, ihre genauen Kenntnisse des Mittelalters mit ihrem Einfühlungsvermögen in Figuren zu verbinden.
Kristin lernt arme Bauernkaten, große Höfe, bescheidene und prächtige Kirchen kennen, sieht die Auswirkungen schlechter Ernten, feiert rauschende Feste, verbringt Nächte im Wald, in Gasthäusern, bei Verwandten.

Dass neben dem christlichen Glauben noch Teile der alten heidnischen Tradition existieren, wird immer wieder thematisiert. Doch das große Thema des Romans ist der Versuch aller Protagonisten, ohne Sünde zu leben, ganz nach den Vorstellungen der katholischen Kirche.
Das Streben nach Reinheit von Körper und Seele und die Achtung der religiösen und weltlichen Gebote und Gesetze stehen nicht nur für Lavrans und Ragnfrid über allem, auch für die junge Kristin. So stürzt sie in schwerste Konflikte, als sie sich in den deutlich älteren Erlend verliebt. Sie ist zu diesem Zeitpunkt für ein Jahr im Kloster, um sich auf die Ehe mit Simon vorzubereiten. Diesem ist sie versprochen, die Väter haben diese Verbindung arrangiert.

Kristin weiß, dass ihr Vater sie nie zu einer Ehe zwingen würde, die sie nicht eingehen möchte. Doch sie braucht seine Zustimmung, um rechtmäßig zu heiraten. Diese für eine Ehe mit einem Mann zu bekommen, der bereits zwei Kinder hat und mit einem Bann belegt ist, erscheint unmöglich. Kristin leidet höllische Seelenqualen, doch sie hat den Mut, sich ihren Eltern entgegenzustellen.

Bis zu dem Tag, an dem sie Erlend ihr Wort gegeben hatte, hatte sie sich immer alle Mühe gegeben, das zu tun, was gut und richtig war – das alles war auf Befehl anderer geschehen. Jetzt spürte sie, dass sie vom Mädchen zur Frau geworden war. Das bedeutete mehr als die heißen, heimlichen Liebkosungen, die sie erhalten und gegeben hatte, es war nicht nur, dass sie gegen den Wunsch ihres Vaters gehandelt und sich Erlends Willen unterworfen hatte.

Sigrid Undset zeichnet das Porträt einer komplexen Heldin mit ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung. Sie zeigt ihre Hoffnung, stark genug zu sein, ihre Angst, sich auf ewig Schuld aufzuladen, aber auch ihren Mut und ihre Unbeugsamkeit.
Zudem überrascht der Roman immer wieder mit unerwarteten Geschehnissen oder Geständnissen. Keine Figur bleibt oberflächlich, keine lebt ohne einen inneren Konflikt. Die Entwicklungen zu verfolgen macht die Lektüre nicht nur interessant, sondern auch spannend, denn neben der mittelalterlichen Welt öffnen sich zutiefst menschliche Welten sowie deren Abgründe.

Dank an Petra Lohrmann (adaptiert und erweitert für das Magazin)

  • Sigrid Undset: Kristin Lavranstocher, Der Kranz (Band 1). Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2021. 382 Seiten, Halbleinen. 22 Euro

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