Barbara Frandino: Das hast du verdient (Folio Verlag)

Foto Engin_Akyurt

Am Anfang steht ein Verrat. Und ein Unfall. Die Liebe ist zu Ende, der Hass bleibt. In Barbara Frandinos Roman Das hast du verdient wird eine langjährige Ehe durchleuchtet und genau beschrieben, so spannend zu lesen wie ein Krimi.

Der Mann steht auf der Leiter, die an einem alten Granatapfelbaum lehnt – und fällt. Die Frau sieht den Sturz. Was sie in diesem Augenblick fühlt und denkt, das erfährt man erst am Ende dieses erstaunlichen Buches aus dem Südtiroler Folio Verlag. Sie begleitet ihn auch nicht im Krankenwagen, sondern setzt sich stattdessen in ein Café. Vielleicht steht sie unter Schock, vielleicht erscheint ihr der Unfall des Ehemannes aber auch als eine gerechte Strafe. Er hat sie betrogen, seine Geliebte hat ein Kind von ihm bekommen. Die Frau ist gekränkt, verletzt, aus ihrem scheinbar sicheren Liebesglück hinaus ins Unendliche gefallen. Sie kann nicht verzeihen, nicht vergessen.

Es muss nicht so zu Ende gehen, sage ich.
Was?, fragt sie.
Die Liebe. Sie geht nicht immer so zu Ende. Um Himmels willen, sagt Antonio.
Was ist los, ich will sie nur beruhigen.
Sie müssen nicht beruhigt werden. Und hör auf, Gin Tonic zu trinken.
Was hat der Gin Tonic damit zu tun? Ich äußere nur meine Meinung.
Dieses Gespräch ist erbärmlich.
Meine Gabel fällt laut auf den Teller und meine Stimme wird schrill.

Die italienische Autorin beschreibt das Liebes- und Ehedesaster aus der Perspektive der Frau, ohne jedoch – und das ist literarisch gekonnt und ungewöhnlich – ihre Position einzunehmen. Die Betrogene ist nicht die Gute, der Betrüger nicht der Böse. Vielmehr wird psychologisch genau und mit scharfem Blick das Ende von Vertrauen und Sicherheit beschrieben, es geht um Liebe, die zu Hass, um Sex, der zur Waffe wird. Der Mann ist ein bekannter und umworbener Fernsehjournalist, sie ist Ghostwriterin, er steht in der Öffentlichkeit, sie sitzt zu Hause am Schreibtisch. Die beiden passten nicht zuletzt gut zusammen, weil sie so verschieden waren. Aber warum ging ihre Liebe zu Ende? Was war passiert, warum richteten sie sich zufrieden ein in ihrem trauten Heim, in dem es keinen Streit, keine bösen Worte gab, warum war sie nicht misstrauisch, warum beharrte er nicht auf mehr Glück statt auf einer sprachlos wohlfühligen Gemeinsamkeit?

Der Roman bietet keine Antworten, dafür aber genaue Beschreibungen: Sie erinnert sich an den Moment, als sie die Nebenbuhlerin einmal sah, an diese eine zu vertraute Geste auf dem Rücken des Mannes. Oder ein peinliches Abendessen mit Freunden: Sie trinkt zu viel Gin Tonic, er besteht entgegen allem Anschein auf einem schönen Abend, das andere Paar ist nur peinlich berührt. Es gibt viele solcher präzise geschilderten Szenen einer Ehe. Die Frage, die im Titel steckt: wer von den beiden was verdient hat, ist nach der Lektüre schwer zu beantworten, auch wenn die beiden Figuren eindeutige Antworten hätten.
Der Anfang war einmal schön – wie es alle Anfänge sind –, das Ende ist furchtbar, nicht zuletzt deswegen weil es kein Ende gibt, sondern: Waffenstillstand.

Dank an Manuela Reichart (als Gespräch auf rbb)

  • Barbara Frandino: Das hast du verdient. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Bozen/Wien: Folio Verlag 2021. 168 Seiten, Hardcover, 135 mm x 210 mm. 22 Euro

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