Martin Peichl und Ulrike Schrimpf über: Gespenster zählen (Verlag Kremayr & Scheriau)

„Es wird Zeit, sich auf einen Unfall vorzubereiten.“

Lieber Martin Peichl, Hand aufs Herz: Was tut man am besten, wenn man auf Gespenster trifft? Weglaufen? Ein Bier mit ihnen trinken? Ihnen in die Arme fallen?

Der Protagonist im Buch probiert verschiedene Strategien aus, mit unterschiedlichem Erfolg, „habe bereits Überlegungen angestellt, wie und wann ich dir in die Arme laufen, mich ergeben werde“, heißt es zum Beispiel an einer Stelle. Vielleicht haben das Gespenster so an sich, dass sie all diese Reflexe gleichzeitig auslösen, Fluchtinstinkt auf der einen, Paralyse auf der anderen Seite. Im Zweifelsfall kann man sich immer noch vertrauensvoll an Geisterjäger*innen wenden. Oder akzeptieren, dass man die meisten Gespenster selbst heraufbeschworen, zum Spuken eingeladen hat. 

ein Hunger, der nicht vergeht

Welche Gespenster suchen dich heim? Haben sie sich, seitdem du sie zusammen mit Matthias Ledwinka in eurem Buch „gezählt“ hast, verändert?

Was ganz sicher passiert ist: eine Bedeutungserweiterung des Wortes „Gespenst“. Ein schärferer Blick, der sich während der Arbeit an diesem Buch ergeben hat, für die Dinge, die uns verfolgen und heimsuchen, für das Unheimliche im Alltäglichen. Matthias‘ Fotografien haben dazu ihren Teil beigetragen, die Suche nach den Brüchen in den Fotografien, in die hinein oder aus denen heraus ich dann meine Texte schreiben kann. Auch die damit verknüpfte Erkenntnis, dass der Prozess des Schreibens auch etwas sehr Gespenstisches an sich hat, ich ganz selten über das schreibe, was unmittelbar anwesend ist, stattdessen das Abwesende im Fokus meiner Texte steht. Und Abwesendes eignet sich wiederum wunderbar als Projektionsfläche für Sehnsüchte.    

Es gibt Staudämme und Treibgut, zu spät begriffene Abschiede, eine dünne Schicht Eis, auf die kein Verlass ist. Dein Gewicht gibt es und mein Gewicht, und die Frage, ab wie vielen Personen wir zu einem Sicherheitsrisiko werden. (…)

Es gibt Liebesgeschichten und mindestens genauso viele Geistergeschichten.

Dem Buch ist ein Zitat von Friederike Mayröcker vorangestellt: „ich habe mir vorgenommen, dir nicht mehr zu schreiben : das Ergebnis hältst du in deiner Hand.“ Hier wird ein paradoxaler, gewissermaßen auch gespenstischer Akt beschrieben – das Sich-Wenden an jemanden, indem man sich dezidiert nicht an ihn wendet. Inwieweit ist das Schreiben in und zwischen Widersprüchen, das Schreiben durch sie für deine Arbeit symptomatisch?

Ich finde Widersprüche spannend. Die wenigsten Gefühle und Situationen lassen sich auf ein Entweder-oder reduzieren. Menschen sind im Grunde ambivalente Wesen. Und diese Ambivalenzen finde ich spannend, für mein Schreiben sowie für meine Figuren. Und die daraus resultierende Frage, wie wir selbst mit dieser inneren Zerrissenheit umgehen, ob wir sie kontrolliert verdrängen oder eben zulassen, sie als Teil unserer Identität akzeptieren. Das erwähnte Mayröcker-Zitat bringt es auf den Punkt: ein Nicht-loslassen-Können, das Kratzen an noch nicht vollständig verheilten Wunden.

mit deinem Schlüsselbein in meiner Hand

Allein wegen des Titels musste ich auch an Ibsens Theaterstück Gespenster denken, das den norwegischen Titel „gengangere“ trägt, was eigentlich „Wiedergänger“ heißt. In dem Drama stehen Gespenster auch für überkommene Konventionen. Spielt diese Form von Gespenstern auch eine Rolle in deinem aktuellen Buch?

Wenn wir über Gespenster als „überkommene Konventionen“ sprechen, dann ist das ein Thema, das mich mittlerweile schon drei Bücher lang begleitet: das Ausbrechen aus tendenziell ungesunden Beziehungs- und Romantikvorstellungen und das Aufzeigen von toxischen Geschlechterrollen. Diese Auseinandersetzung findet man auch in Gespenster zählen wieder. Gut möglich, dass mich diese Thematik auch darüber hinaus nicht so schnell loslassen wird.

Gespenster zählen ist das zweite Buch, das du nach In einer komplizierten Beziehung mit Österreich bei Kremayr & Scheriau veröffentlichst. In beiden Büchern finden sich Texte, die man als „Kurzprosa“ bezeichnen kann oder möglicherweise auch als „Miniaturen“. Zudem ist in beiden Büchern eine Nähe zum lyrischen Schreiben fühlbar. Ist dir die kurze literarische Form im Grunde die liebere? Wenn ja, warum?

Ich langweile mich sehr schnell, wenn ich Romane lese, die müssen schon richtig gut gemacht sein, sprachlich und formal, damit ich dranbleibe. Am liebsten lese ich tatsächlich Lyrik oder lyrische Prosa (was laut Dubravka Ugrešić auch nichts anderes ist als „gute Prosa“) oder Sachbücher. Aus dieser Präferenz ergibt sich wahrscheinlich auch eine bestimmte Richtung fürs eigene Schreiben. Mich interessieren Stimmungen mehr als ein spannender Plot. Zweiteres kann jemand für mich in ein paar Sätzen zusammenfassen. Ein gutes Gedicht nicht, ebenso wenig einen guten Satz, den kann man nicht noch einmal kürzen oder komprimieren.

Du rezensierst auch, darunter oft Lyrik, auf eine, wie ich finde, feinsinnige, aufmerksame und im besten und ursprünglichen Sinne des Wortes gründliche Art und Weise. Was bedeutet Lyrik dir und in deinem Leben?

Zunächst einmal: danke, diese gründliche Auseinandersetzung ist mir auch ein Anliegen bei meinen Rezensionen. Als Schreibender weiß ich, wie viel Arbeit jeder Text, jede Publikation ist, auch immer mit der (oft unausgesprochenen) Hoffnung verbunden, dass jemand den Spuren nachgeht, die man im Text hinterlassen hat, und diese detektivisch Schicht für Schicht freilegt, im besten Fall auch vieles entdeckt, von dem man selbst nicht gewusst hat, dass es der Text in sich trägt. Lyrik entspannt und inspiriert mich gleichzeitig. Zu Gedichten fällt es mir auch am leichtesten, etwas zu schreiben. Was sich gut trifft, weil Lyrikbände tendenziell ohnehin zu wenig besprochen werden.

Gespenster zählen ist ein besonders gestaltetes Buch, in dem der Zusammenklang von Schreiben und künstlerischem Gestalten sogar noch verstärkt ist, da deine Texte paarweise von den Fotografien des Künstlers Matthias Ledwinka begleitet, ergänzt und erweitert werden. Was bedeutet dir diese Form von Zusammenarbeit, dieser Dialog der Künste, und wie sieht ihr beim gemeinsamen Arbeiten daran genau vorgegangen?

Schreiben ist für mich eine Auseinandersetzung mit Licht und Schatten, das Einfangen von Momenten und Stimmungen: „im nächsten Moment ist das Licht schon wieder ganz anders, im nächsten Moment haben wir es bereits mit neuen Schatten zu tun.“ Deshalb wollte ich auch unbedingt ein Buch im Zusammenspiel mit Fotografien machen. Die Zusammenarbeit mit meinem lieben Freund Matthias war gleichzeitig auch ein großer Trost für mich. Die Idee für das Buch gab es schon seit 2018, und im Juli 2020 haben wir das Projekt noch einmal komplett neu gestartet. Zuerst nur für uns, ohne konkrete Publikationsabsichten. Als wir dann eine Deadline fürs Frühjahr 2021 hatten, war klar: das Zählen von Gespenstern wird uns das nächste dreiviertel Jahr intensiv beschäftigen. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das hier ein aufwendiges Ablenkungsmanöver“, heißt es im Buch, und den Satz würde ich am liebsten doppelt unterstreichen. Die gemeinsame Arbeit und der Austausch mit Matthias haben mir während des langen Lockdowns eine Richtung gegeben und – wie bereits gesagt – sehr viel Trost. (Vor allem in der Zeit, als keine Lesungen und Veranstaltungen möglich waren.)
Unsere Vorgehensweise war dabei so, dass Matthias mir ein Foto geschickt hat, ich mit einem Text darauf reagiert habe, woraufhin er mir das nächste Foto geschickt hat usw. Dieses Ping-Pong-Prinzip haben wir über weite Strecken des Buches durchgezogen, erst gegen Ende haben wir uns von dieser starren Struktur mehr und mehr gelöst. Zum Teil waren wir auch gemeinsam unterwegs auf der Suche nach passenden Motiven. Spannend war (und ich hoffe, ich kann hier auch für Matthias sprechen), wie unterschiedlich unsere Zugänge zu dem Thema am Anfang des Projekts waren, und wie viel klarer dann die Vision wurde mit jedem Foto-Text-Austausch, wie schnell wir eigentlich beide wussten, welche Geschichte wir erzählen wollen.

Wir wurden belogen. Die Märchen, sie sind alle wahr geworden. Wer aus dir trinkt, wird ein Tiger, ein Wolf, wird ein Reh. ,Jeder Satz ist ein Körper, in dem es nachts spukt‘, jeder deiner Sätze. Nun komm noch zweimal, noch einmal, noch dieses Mal und dann nimmermehr.

Gespenstisch gut! Danke Martin Peichl und Ulrike Schrimpf für das Gespräch!

  • Martin Peichl (Text) und Matthias Ledwinka (Fotos): Gespenster zählen. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2021. 160 Seiten, Hardcover, 13,5 x 21,5, vierfarbig. 22 Euro.

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