Anna Felnhofer: Schnittbild (Luftschacht Verlag)

Foto Markus Spiske

Sie trinkt die Milch kalt. Es riecht, wo sie ist, nach Minze. Eine ihrer Blusen ist voller Mohnblüten, an einer Wand hängt ein Mohnbild. Einwickelpapier fühlt sich für sie beim Darüberstreichen an wie Marzipan. Sie, das ist die Therapeutin in Anna Felnhofers Debütroman Schnittbild, selbst ernannter Episodenroman, erschienen im Luftschacht Verlag und jüngst ausgezeichnet mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis; darüber hinaus nominiert für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises 2021.
Mit Milch, Mohn, Minze, Marzipan sind auch die vier etwa gleich langen Kapitel des Buches betitelt, gleichsam sind sie Chiffren für einzelne therapeutische Fälle, die die Therapeutin im Verlauf von über dreißig Berufsjahren angesammelt hat. Das Episodische unterläuft dabei eine starre Chronologie.

In der ersten Episode also, dem aktuellen Fall Fabjan, ist vieles milchig, etwa Haut, Flecken, Gerüche. Gleich zeigt sich da Felnhofers Gabe, sinnlich, satt und körpernah zu beschreiben und zu begeistern (Augen sind z. B. nicht grün, sondern „flussgrün“; Kleidung ist „limonenfarben“ oder „zuckerwatterosa“, der Geruch von Schlaf ist „teewarm“ ). Und weiters zeigt sich, wie akzentuiert und bedacht die Autorin mit Sprache arbeitet, stets auf der Suche nach dem gesteigerten, nicht banalen Ausdruck.
Das mit Lena, der Ex-Schülerin, und Fabjan, dem viel Älteren, konnte nicht gut gehen, von Anfang an nicht. Bald nach dem Bezug einer gemeinsamen Wohnung heißt es: „Er ist diesem Kind nicht gewachsen.“ Sie lässt sich ebenso wenig mit dem Sucher seiner Fotokamera einfangen, allenfalls Spuren, wie emotional. Lenas zunehmend rabiate sexuelle Übergriffe verstören den Mann. Erahnbar sind traumatische Erlebnisse in einem Kindheits-Früher. Andeutungen bleiben subtil, im Ungefähren, erzählerisch gehen dabei die Zeitebenen nahtlos ineinander über: die Gegenwart mit, ohne Lena und Momente aus Fabjans Vergangenheit. Allein der gesetzte Fokus, die „scharfgestellten“ Ausschnitte reichen, um das Bild eines einsamen, suizidalen Mannes zu zeichnen. Die Neigung haben übrigens noch andere in dem Buch.
Fabjan überwindet sich und beginnt erstmals eine nicht näher bestimmte Therapie, ohne Diagnose. Felnhofer, selbst studierte Psychologin, pathologisiert, skandalisiert nicht, es fallen keine Fachbegriffe. Mit Fabjans Kennenlernsitzung im Kaffeehaus ist die Figur der Therapeutin im Spiel: Fragen stellend, akkurat, sonderbar, mit „eishellem Blick“. Sie ist das „Fadenkreuz“, vielleicht auch der Spiegel im spezifischen Setting einer Therapiestunde, in der nicht nur einmal das Verhältnis Klient-Therapeutin kippt und ein Abhängigkeitsverhältnis bloßgelegt wird.

Maximal versehrt sind die Menschen in Schnittbild, diesem kompositorisch überzeugenden Buch. Über alle Episoden hinweg ist es derart in sich vernetzt und parallel verstrebt durch zahllose (literarische, musikalische wie ästhetische) Verweise, Bezüge, Motive, gleiche Sätze und Wendungen (weder–noch): So entsteht ein faszinierendes Gesamtbild. Im Sinne eines Tableaus setzt Felnhofer auf Farbharmonien, Bildaufbauten, Schärfen und Unschärfen, Licht- und Schattenverläufe.
Die Erfahrungen der Figuren sind bitter bis grauenvoll, das Leben ist ihnen schlicht abhandengekommen. Sie sind „Grenzgänger, die über einen Grat zwischen Sein und Nichtsein wandeln“. Das Thema Erfahrungen wird dabei immer wieder befragt und durchdacht, insbesondere im Hinblick auf die Bedeutsamkeit des Einzelnen:

Wir sind mehr als die Summe unserer Erfahrungen, aber welcherart ist das Verhältnis? Man tritt einen Schritt zu­rück und schon verschiebt sich der Blickpunkt, springt auf eine andere Kleinigkeit über. Nur: Welche Perspektive wir einnehmen – bleibt das uns überlassen?

Welche Geschichte ist nun die, die es von uns zu erzählen gilt? Und warum die? Genau das ist therapeutische Praxis: „Andere davon zu überzeugen, dass es Zusammenhänge gibt, die bedeutsam sind.“ Fabjan sträubt sich zunächst als Klient, beginnt aber plötzlich zu sprechen, wie es mal mehr mal weniger alle Figuren tun werden. Alles beginnt mit dem Erzählen. Anders als episodisch kann das gar nicht sein. Es wird auch die Therapeutin treffen.

Rahel, eine vierzehnjährige Ex-Vagabundin mit selbstverletzendem Verhalten, findet keine Worte für Erlebtes, sie zeichnet und schreibt ihre Geschichten nieder, versucht es zumindest:

Wie aber etwas aufschreiben, denkt Rahel, wie etwas verschriftlichen, was von dort kommt, wo die Worte sich selbst nicht mehr genügen.

Mit ihrer Therapeutin damals, namenlos ist sie noch und Anfängerin, verstrickt sie sich „in eine unausweichliche, wechselseitige Geiselhaft“. Rahel will von ihr „erkannt“ werden, eine tiefsitzende, eitle menschliche Sehnsucht, möglicherweise uneinlösbar. So spricht die Therapeutin einmal: „Und eine Therapie ist ein Spiel mit dieser Eitelkeit.“

Der Erzählaufhänger für den Fall Erik ist ein mutmaßliches Wiedererkennen der Therapeutin in den Tiroler Alpen, einige Jahre nach Abschluss seiner Gespräche. Es tauchen „Bildfetzen“ auf:

Irgendwas löst immer diese Kette unweigerlich inei­nandergreifender Erinnerungsmomente aus, sei es, dass es ein Geschmack, Geruch oder Geräusch oder irgendeine noch so winzige Deckungsgleichheit zwischen einer momentanen und einer vergangenen Wahrnehmung ist, plötzlich ist alles wieder da. Und man ist dieser kaskadenartigen Abfolge von Bildern ausgeliefert.

Erik ist wackelig innerlich und äußerlich, suizidal auch er, in den Bergen Trugbildern aufsitzend. Durch sein und das Leben seiner Töchter läuft seit sieben Jahren ein „unschöner Riss“. Bei den damals wöchentlichen Stunden wurde er „Schritt für Schritt zu sich zurückgeführt“ wurde. Das ging so lange, bis „Erik merkte, dass etwas nicht stimmte“. Noch beherrscht die Therapeutin ihre Rollenmaskerade und hält die Balance. Wie lange?
Durch das Buch zieht sich somit die rege variierte Frage, was einen am Leben hält, was nicht. Es zeigt die Spuren und Verletzungen, die Ereignisse in einem Menschen hinterlassen können, und fragt nach der „Störung im Bild“, das wir von uns haben. Schnittbild – so ein aufregender saut dans le vide.

Senta Wagner

  • Anna Felnhofer: Schnittbild. Episodenroman. Wien: Luftschacht Verlag 2021. 336 Seiten, Hardcover, 12,8 x 20,8 cm. 24 Euro

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