Charming Charms oder Texte wie Zaubersprüche. Von Isabella Feimer

(Anstelle einer) Besprechung
(zu Fälle. Und weitere Prosa, Szenen, Dialoge von Daniil Charms)

oder

Daniil Iwanowitsch Juwatschow, der 1905 in St. Petersburg geboren wurde und bereits mit siebzehn unter dem Pseudonym – einem von vielen – Daniil Charms debütierte, einer, der ein aufmerksamer Betrachter seiner Zeit war, im Umbruch von der zaristischen Epoche in die kommunistische, und die Absurdität des Lebens an sich in seinen Texten, die sämtliche literarische Gattungen umfassen, eingefangen hat, einer, der zu Lebzeiten kaum publizieren konnte, verfolgt und mehrere Male verhaftet, der für unzurechnungsfähig erklärt wurde und 1942 in der Gefängnispsychiatrie, während der schlimmsten Hungermonate der Blockade Leningrads, laut Akten an Unterernährung verstarb, einer, der sagte

                                                  Mich interessiert nur der Quatsch; nur                                                                        das, was keinerlei praktischen

Sinn hat.                                                                            Mich interessiert das Leben nur in seiner         unsinnigen

Erscheinung.

oder

Fälle, jenes Konvolut von 30 Textminiaturen, die Charms 1939 verfasste und die die zentralen Motive seines Werkes sowie seinen charakteristischen abgründigen Humor beinhalten – Fallstudien des Menschlichen und Allzumenschlichen unter einer Lupe, zumeist noch genauer unter dem Mikroskop betrachtet sind diese Texte, Fallbeispiele, manchmal im tatsächlichen Sinn, denn Hingefallen, also aus dem Gewohnten gefallen, wird gar oft und auch Übereinander(her)gefallen, herrlich lustig wie in jener Szene, in der Puschkin und Gogol unentwegt ineinander verkeilt übereinander fallen oder tragisch alltäglich wie in folgender Miniatur

der Tod ist etwas Alltägliches, gleichzeitig das Absurde schlechthin, und viele Fälle, zumeist Konflikte aus einem nichtigen, nicht nachvollziehbaren Anlass heraus, enden tödlich, sind gewaltbeladen, zeigen die verrohte Gesellschaft, die Charms so pointiert porträtiert hat, mit einem Blick, der auf das Ungewöhnliche gerichtet ist und der die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit geschickt verwischt, indem er Ereignisse miteinander verkettet und sie in eine Spirale setzt, die sich unentwegt nach unten dreht, ja, die Begebenheiten laufen aus dem Ruder, stets und unaufhaltsam, und das Individuum kann sie (sich) nicht mehr kontrollieren,

manchmal gleich zu Beginn einer Geschichte

                                                           Ein Mann mit einem dünnen Hals                                                                                verkroch sich in eine Truhe,

klappte                                                                                   über sich den

Deckel zu und begann zu                                                                  

ersticken.

oder

wie es nicht nur in der Sammlung Fälle der Fall ist, sondern auch in den anderen Texten, die chronologisch nach ihrem Entstehungsjahr, zwischen 1927 und 1941, im vorliegenden Band einen Einblick in Charms Schaffen gestatten, liegt ein ganzer Kosmos in dem kürzesten Text verborgen, eine Geschichte, die sich weiterspinnt und weiter dann in der Leserin und im Leser

Gedachtes wird Erlebtes, Erlebtes verknüpft sich mit etwas Fantastischem, vertrackte Geschichten, die ihre eigene Logik haben und immer eine Verdrehung von etwas Tatsächlichem sind, und die Verdrehung erscheint als das Normalste auf der Welt, zum Beispiel wenn Charms Gegenständen eine Stimme gibt oder einen Menschen zum Gegenstand werden lässt, zum Beispiel wenn jemand einschlafen will, es nicht kann, dann könnte er und will es aber nicht mehr, zum Beispiel wenn in die Irre geführt oder dem Tod getrotzt oder aus der Negation heraus erzählt wird

                                                          

Aber in Wirklichkeit stellen wir uns vor,                                                            und der Einfachheit halber vergessen wir                                                            auch gleich, was wir uns soeben                                                                                      vorgestellt haben.

das Surreale und Fantastische begleitet in den Miniaturen, und Alltägliches, mitsamt all dem, was schiefgehen kann, wird, indem es einfach nur beschrieben und in Beziehung gestellt wird, zu etwas Besonderem, zu jenen wunderlichen Dingen, die die Menschen tun und aus diesem Tun heraus einen Sinn ergeben, und innerhalb der Geschichte sind sie das Normalste auf der Welt, sind Spiegel der Bedürfnisse und Nöte der Menschen jener Zeit, sind Ängste und Fluchtversuche, Se(h)nsationslust und die Sehnsucht nach Geschehnissen, sind Träume und Wünsche

oder

manchmal glaubt man im Traum des Schriftstellers (nein, nicht gefangen) zu sein, im Fluchtinstinkt, im Flüchtenwollen und in der Möglichkeit, aus einem politischen System zu flüchten, das engmaschig um die Gesellschaft geschnürt ist, das Menschen in ihren Ansichten festgefahren sein lässt, und man flüchtet mit und aus den Missverständnissen, die sich nicht auflösen wollen, und träumt mit und träumt so lange … bis die erzählte Wirklichkeit einen eiskalt – mit einem Schlag – erwischt, der ungeschönte Blick auf skrupelloses Verhalten, die Gewalt, das Eskalieren selbiger

ach … wie heutig, oder?

das vermeintliche Miteinander der Protagonisten, das sich als Gegeneinander entpuppt, der morbide Verfall, die kafkaesken Settings, die Charms mit nur wenigen Worten etabliert, die Leerstellen, die Angst hinterlässt, und die Befindlichkeit einer Gesellschaft, die das Schlechteste im Menschen hervorbringt und der nur mit Humor zu begegnen ist

                                                           So setzten sie die Tote an die Kasse,                                                                             steckten ihr eine Zigarette in den Mund,                                                                                   damit sie lebendiger aussah, und gaben                                                                          ihr, der Lebensechtheit halber, den Pilz                                                                          

in die Hand. So sitzt die Tote an der                                             

Kasse wie lebendig, nur im Gesicht ist                                         

sie sehr grün, und das eine Auge steht                                                      offen, das andere ist völlig zu.

oder

Texte wie Zaubersprüche, die die Toten wieder zum Leben erwecken können, die die Wahrheit aus den Zeilen schälen, die durch die Leichtigkeit der Sprache dem Dunklen Glanz geben und das unberechenbar Brutale – nicht zuletzt, weil man stets befreiend lachen kann – in eine Möglichkeitsform zurückversetzen, und Charms, der das Unvollständige vervollständigt, auch Zufälle, die manch Geschichte wenden, und eine Bilderflut, die einen eigene Bilder assoziieren lässt, Fabel-hafte Unmöglichkeiten, die in ihrer Übertreibung sichtbar werden, spürbar sind

oder

hätte ich doch besser eine Liebeserklärung an dieses Buch und diesen Autor schreiben sollen anstelle einer Besprechung?, an die Figuren, denen man sich nahe fühlt, die das Vertraute des menschlichen Seins dem Eigenen spiegeln?, ja, man schaut mit ihnen auf die Welt; an das lustvolle Erzählen gegen Konventionen?, es erzählt vorbei und verkettet und verstrickt und fordert in einer Dringlichkeit; an jede einzelne Geschichte Daniil Charms’, die unsere Geschichten sind? – ein Wiederfinden in so vielen Fällen.

Dank an Isabella Feimer

  • Daniil Charms: Fälle. Und weitere Prosa, Szenen, Dialoge. Herausgegeben und aus dem Russischen von Peter Urban. Berlin: Friedenauer Presse 2021. 367 Seiten, gebunden. 28 Euro.

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