Grig: Jesus’ Katze / Kolchis Verlag im Gespräch

Der Schweizer Kolchis Verlag wurde „mit dem Ziel gegründet, Geschichten aus dem Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident zu Wort kommen zu lassen“. In besagtem Spannungsfeld bewegt sich auch der Erzählband Jesus‘ Katze des armenischen Jungautors Grigor Shashikyan (*1991), Künstlername Grig. Die Erzählungen, die lose miteinander verbunden sind, sich zuweilen mehr oder minder fortsetzen, sind vorrangig in den Straßen Jerewans angesiedelt, führen später aber immer wieder auch nach Deutschland.

Der Ich-Erzähler, dessen Name möglicherweise Ruben lautet (anzunehmen, es handle sich dabei um das Alter Ego des Autors mag nicht besonders einfallsreich erscheinen, drängt sich einem aber geradezu auf), wirft einen Blick an den Rand der armenischen Gesellschaft, dorthin, wo sich die Unsichtbaren bewegen: Obdachlose, Verwirrte, Einsame, Versehrte. Immer wieder verwischen dabei die Grenzen, ist nicht mehr auszumachen, ob Traum oder Wirklichkeit geschildert werden. Traum? Eher Albtraum, vielleicht auch Halluzination. Denn die Figuren in Grigs Erzählungen leiden am Leben, nicht zuletzt der Erzähler selbst:

Die Fliege sah aus, als wäre sie an der Wand zu einem Leberfleck geworden, einem lächelnden Leberfleck, so als wäre nichts gewesen, sie bewegte sich einfach nicht. Ich sah sie an und dachte, dass uns das Leben vielleicht genauso behandelt, es scheucht uns umher, bis wir erschöpft sind, und dann versetzt es uns einen Schlag.

Manchen von ihnen gelingt es dennoch weiterzumachen, durchzuhalten, dem Leben etwas abzutrotzen, während andere aufgeben oder wohl richtiger: sich ergeben. Und so überrascht es nicht, dass Tod und Sterben wiederkehrende Motive darstellen – aber (fast) immer als Erlösung, als Befreiung. Die zentrale Empfindung aller Erzählungen ist daher das Mitgefühl (nicht Mitleid!).

Grig

So alltagshaft die Geschichten grundsätzlich sind, das surreale Moment ist in Grigs Erzählungen unübersehbar, und es steigert sich mit Fortschreiten der Geschichten aus den Straßen Jerewans und andernorts. Zudem werden zahlreiche Fäden aufgenommen, nur um dann nicht verwoben zu werden. Das Erzählen gleicht mitunter flüchtigen Gedanken, die nicht zu Ende gedacht werden, weil sich ein neuer Gedanke dazwischenschiebt. Und doch ergibt sich zum Schluss ein Ganzes, ein eindrückliches Bild, das vor allem Lebensgefühle zeigt.

Bei aller Intensität muss sich der Erzählband allerdings auch den einen oder anderen Vorwurf gefallen lassen. So zum Beispiel, dass es in den Geschichten so gut wie keine weiblichen Figuren gibt. Sie treten lediglich als Randerscheinungen auf, im Zentrum stehen immer Männer oder Jungen. Und dort, wo es ihnen doch einmal gelingt, eine Geschichte zu betreten, werden sie mit Worten bedacht, wie diesen: „Sei war eine dünne Frau über vierzig, deren Körper seine Attraktivität noch bewahrt hatte.“ Das ist so ziemlich alles, was es beispielsweise über Angèle in der Geschichte „Mackintosh“ zu sagen gibt. Ein bedauerlicher Schwachpunkt eines ansonsten starken Buches.

Dank an Katherina Severa von We read Indie

Im Gespräch mit dem Kolchis Verlag

Grig mit Amalia van Gent (Kolchis Verlag) und dem armenischen Verleger

Warum haben Sie sich bei der Einreichung zur Hotlist 21 für den Erzählband Jesus‘ Katze von Grig entschieden? Was ist das Besondere der Erzählungen?

Die schlichte, aber eindringliche Sprache, die leicht skurrilen Geschichten, die aber dem Leben entnommen sind, und eine völlig andere Sicht auf eine ohnehin nicht sehr bekannte Stadt: Jerewan.

Beschreiben Sie Ihren Verlag mit drei Worten.

Leicht, schräg, dokumentarisch.

Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Man ist eben „unabhängig“ (wovon aber?) und bewegt sich in einer Nische im Schatten der Mainstream-Produzenten.

Welche Begegnungen mit Buchmenschen haben Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Persönlich war für uns eine Begegnung mit Friedrich Dürrenmatt (Athen, 1983) von ausschlaggebender Bedeutung.

Was wünschen Sie Ihrem Verlag und der Buchwelt für die Zukunft?

Mehr Humor, weniger Kriminalistisches und insgesamt mehr Leser-innen.

Welche unabhängige Buchhandlung empfehlen Sie?

„Unsere“ Buchhandlung ist der Travel Book Shop in Zürich, von Frauen geführt,
der unsere zwei Leidenschaften verbindet: Bücher & Reisen.

Die Redaktion morehotlist dankt Amalia und Werner van Gent für das Gespräch!

  • Grig: Jesus‘ Katze. Geschichten von den Strassen Jerewans. Aus dem Armenischen von Wiebke Zollmann und Anahit Avagyan. Remetschwil: Kolchis Verlag 2021. 120 Seiten, gebunden. 19,50 Euro.
    Dieses Buch ist in der Lieblingsbuchhandlung erhältlich oder hier.

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