Judith Fanto: Viktor / Verlag Urachhaus im Gespräch

Ausgehend von der Geschichte der Wiener Familie Fanto erzählt Judith Fanto in ihrem Debütroman von einer Frau, die sich auf die Suche macht: nach ihren jüdischen Wurzeln und nach den Spuren von Viktors dunklen Geheimnissen.
Viktor, erschienen im Stuttgarter Verlag Urachhaus, spielt sowohl 1994 als auch 1914. Die Ich-Erzählerin Geertje verkörpert die junge Generation, die mit den Scham- und Schuldgefühlen ihrer Eltern und Großeltern konfrontiert wird. Am Anfang zählt sie sich selbst zum „13. Stamm, dem Stamm der nichtjüdischen Juden“. Im Studium hat Geertje die Gelegenheit, sich mehr mit ihrer Identität und Geschichte auseinanderzusetzen. Je mehr sie sich damit beschäftigt, desto mehr entscheidet sie sich bewusst dafür, Jüdin zu sein. Sie legt ihren Namen ab und nennt sich fortan Judith.

In einem weiteren Erzählstrang lernen wir Viktor kennen. Er ist das schwarze Schaf der Familie und Geertjes Großonkel. Er lebt mit seiner Familie in den1930er-Jahren in Wien, das bereits vom Antisemitismus geprägt ist. Viktor ist eine sehr exzentrische, aber auch mutige Person, die sich immer für ihre Freunde und Familie einsetzt. Als nicht die gesamte Familie vor den Nationalsozialisten fliehen kann, entscheidet sich Viktor zu bleiben.

Die Autorin zeigt, wie die komplexen jüdischen Identitäten durch die historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts beeinflusst wurden, insbesondere durch das Terrorregime der Nationalsozialisten.
Braucht es noch einen Familienroman vor dem Hintergrund des Holocaust? Ja! Gerade die wieder auflebenden Diskussionen über jüdische Identitäten und die Zunahme von antisemitischen Straftaten brauchen Kultur, brauchen Literatur, die sich dem entgegenstellen. Die Geschichte der Familie ist ein Beispiel dafür, wie Terror, Gewalt, Hass und Vorurteile Menschen entwurzelt und getötet haben und wie sie in jeglicher Form über Generationen nachwirken.

Judith Fanto (Foto © Merlijn Doomernik)

Eindrücklich ist hierbei Geertje/Judiths Sicht als der sogenannten dritten Generation, wie sie die Traumata der ersten und zweiten Generation, die ihrer Großeltern und ihrer Mutter, erlebt und sich mit Anekdoten und Geheimnissen einer verlorenen Welt auseinandersetzen muss, um zu sich selbst zu finden. Die Mutter von Geertje hat eine ablehnende Haltung gegenüber allem, was sie als jüdisch empfindet, es macht ihr panische Angst. Diese verdrängte Identität führt zu skurrilen Situationen, etwa wenn Geertje versucht, sich in die religiöse jüdische Gemeinde zu integrieren. Ebenso wird alles, was an die Nationalsozialisten erinnert, mit aller Härte abgelehnt, wie die Pfadfinderuniform, die Geertje bei einer Freundin anziehen darf und stolz ihrer Mutter vorführt. Der Vater erklärt dem verstörten, weinenden Mädchen später, dass Uniformen bei ihnen nicht erwünscht seien. Geertje rebelliert gegen die Angst und die Schande, mit der die Familie ihre jüdische Identität belegt, und begibt sich auf die Suche nach Viktor, ihrem Großonkel, von dem sie die grünen Augen hat.

Es gibt bereits einige autobiografische Romane, die sich mit der jüdischen Vergangenheit Wiens und dem tragischen Schicksal der Familien beschäftigen. Zum einen wäre da die autobiografische Serie von Elias Canetti über Leben und Flucht ins Exil (Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr, Das Augenspiel), zum anderen Werke wie Elisabeth Freundlichs Roman Der Seelenvogel (1986), Hilde Spiels Früchte des Wohlstands (1981) und Eva Menasses Vienna (2012). Sie entwerfen anhand des Schicksals jüdischer Familien ein Panorama der österreichischen Geschichte vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis nach dem Zweiten Weltkrieg oder bis in die Gegenwart. Wo Eva Menasses Debütroman Vienna aufhört, beginnt Viktor: Die Protagonistin ist nicht mehr die brave Tochter wie in Menasses Buch. Die tradierten Anekdoten und Bilderreigen werden immer noch geliebt, bleiben Sehnsucht, werden aber nun hinterfragt und herausgefordert.

Zu zweit haben wir das Buch gelesen und uns darüber ausgetauscht. Insgesamt fanden wir es sehr einzigartig und scharfsinnig. Es zeigt, welche Auswirkungen der Nationalsozialismus bis heute hat und wie wichtig deshalb die Auseinandersetzung damit nach wie vor ist. Besonders anschaulich ist die Identitätssuche von Geertje mit allem, was dazu gehören kann. Der flüssige Schreibstil und die Anekdoten sorgen dafür, dass sich der Roman geschmeidig liest, obwohl er sich mit einem schwierigen Thema auseinandersetzt. Das dürfte auch an der gelungenen Übersetzung aus dem Niederländischen durch Eva Schweikart liegen. Judith Fanto, Juristin, Journalistin und Gründerin mehrerer Stiftungen, hat die Geschichte ihrer Familie in einen beeindruckenden Roman verwoben.

Dank an Katrin von Lesestrickeule und Kathrin Schwarz, beide von We Read Indie

Im Gespräch mit dem Verlag Urachhaus

Michael Stehle (Foto Wolfgang Schmidt)

Warum haben Sie sich bei Ihrer Einreichung zur Hotlist für Viktor von Judith Fanto entschieden? Was macht das Besondere des Romans aus?

Judith Fantos Viktor hat meine beiden Lektoratskolleginnen und mich von der ersten Seite an (um genau zu sein: vom ersten Satz an) in seinen Bann gezogen. Dass es einer Autorin – noch dazu einer Debütantin – gelingt, zwei (einander in den Kapiteln abwechselnd bespielte) Erzählstränge anzulegen, die uns als Lesende gleichermaßen begeistern und überzeugen, ist alles andere als alltäglich. Sowohl die Geschichte Viktors als jüdischer Widerstandskämpfer in Hitlers Wien wie auch die (autobiografische) Thematik der Protagonistin Geertje/Judith, auf sehr individuelle Weise zu ihrem in der Familie totgeschwiegenen, ja verleumdeten Judentum zu finden, sind Motive, die in der Belletristik nicht ins Hintertreffen geraten dürfen. Vor allem anderen ist es dieser Aspekt der Selbstfindung, der uns überzeugt hat.

Beschreiben Sie Ihren Verlag in drei Worten.

1) Genreübergreifend (Kinder- und Jugendbuch, Belletristik, Ratgeber, Sachbuch); 2) Experimentierfreudig; 3) Anspruchsvoll

Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Am meisten schätze ich die Möglichkeit, experimentieren und ausnahmslos jedes Buch veröffentlichen zu können, das uns überzeugt – ausgehend von der Freiheit, sich nicht an Konzernvorgaben orientieren zu müssen.
Am wenigsten schätze ich gar nichts, kann mir aber vorstellen, dass das Improvisieren in größeren Häusern hier und da weniger Kräfte bindet als in einem kleinen dynamischen Team.

Welche Begegnungen mit Buchmenschen haben Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Keine einfache Frage, aber den englischen Autor Kevin Crossley-Holland vor fast 20 Jahren in seinem Haus in Norfolk besuchen und interviewen zu dürfen, war ein sehr besonderes Erlebnis für mich als jungen Lektor. Darüber hinaus ist es mir immer wieder ein Fest, Menschen wie Hans ten Doornkaat oder Quint Buchholz kennen zu dürfen – Menschen, von deren Wissen und Lebenserfahrung ich in jedem Gespräch profitiere.

Was wünschen Sie Ihrem Verlag und der Buchwelt für die Zukunft?

Weiterhin unabhängig bleiben zu können und nicht mitansehen zu müssen, dass die Lust am Lesen irgendwann versiegt. Eine Reihe innerhalb unseres Programms hat den Claim Horizonte erweitern. In einer Welt zu leben, in der dies die Menschen nicht mehr antreibt, ist für mich ein beängstigendes Szenario – und wäre das Ende unserer Branche.

Welche unabhängige Buchhandlung empfehlen Sie?

Buchhandlung Mahr in Langenau.

Die Redaktion morehotlist dankt Michael Stehle für das Gespräch!

  • Judith Fanto: Viktor. Roman. Aus dem NIederländischen von Eva Schweikart. Stuttgart: Verlag Urachhaus 2021. 415 Seiten, gebunden. 24,90 Euro.

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