Anna Albinus: Revolver Christi / edition.fotoTAPETA im Gespräch

Ein Schuss, der ins Unbekannte fällt. „Ob er geschossen hat, wird man nicht mehr endgültig feststellen können.“ Und mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen, um das zentrale Motiv von Anna Albinus’ Novelle Revolver Christi, erschienen in der Berliner edition.fotoTAPETA, zu erfassen: Ist der Revolver eine Mordwaffe oder nicht? Vor hundert Jahren wurde der Elektrikerlehrling (?) Peter Zochen mit einer Kugel im Kopf vor dem Dom entdeckt, und man ist sich bis heute nicht sicher, ob für den Mord der titelgebende Revolver Christi benutzt wurde, der neben dem Jungen lag. Ein beiliegendes Bekennerschreiben legt diese Vermutung nahe, lapidar heisst es da: „Verwundet durch die Liebe Christi.“ Die vermeintliche Mordwaffe wird alle zehn Jahre ausgestellt und einem grossen Wallfahrtspublikum präsentiert. Eigentlich ist der Revolver aber ein Relikt aus dem achten Jahrhundert, das von einer mysteriösen, vorägyptischen Sekte stammt.
Seit dem Tod des Jungen nehmen die Besucherströme stetig zu und zu seinem hundertsten Todestag wurde der Revolver erneut begutachtet. Weitere zehn Jahre später, und in der Gegenwart der Erzählung gelandet, fällt in der Kathedrale wieder ein Schuss. Ein Kommissar (und Ich-Erzähler) wird gerufen, der den Vorfall genauer untersuchen soll.

Die Ironie als leichte Zuspitzung des Alltags, als Absurdisierung alltäglicher Begebenheiten erweist sich schnell als treibende Feder hinter der Fantasie Revolver Christi. Das zeigt sich etwa im religiösen Eifer und den übertriebenen kirchlichen Pflichten, die die Autorin geschickt in die Geschichte einflechtet, um sie dann zwar nie explizit, aber durch die Blume immer wieder aufblitzen zu lassen. Oder auch im Irrsinn und der Ernsthaftigkeit, mit der sich alle Seiten mit dem Revolver beschäftigen, der ja schlussendlich nichts anderes als ein obskures Relikt einer sektiererischen Gemeinschaft ist.

Albinus’ Ironie funktioniert andererseits aber auch durch die besonders feine Sprache. Die in Wien lebende deutsche Autorin arbeitet sehr genau, mit klaren Sätzen, die in den Konjunktiven durchscheinen lassen, was denn ihre eigentliche Intention sein könnte. Die so angesprochenen Figuren oder Personenkreise kommen meist gar nicht direkt vor, sondern erheben sich durch ihre Abwesenheit im Passiv:

Seitens der Diözese hoffte man noch bis zum Freitagnachmittag, die Ausstellung könne für den am Wochenende besonders hoch eingeschätzten Besucherstrom wieder eröffnet werden, für die neuerliche Präsentation des Revolvers wurde in weniger als vierundzwanzig Stunden eine Ersatzvitrine bereitgestellt.

Anna Albinus

Neben dieser sprachlichen Konzentration findet sich auch eine motivische. Albinus nutzt das ursprüngliche Irritationsmoment des abgefeuerten Revolvers Christi, um eine Kettenreaktion auszulösen, in der sich die wildesten Verstrickungen ergeben werden. Dabei wird auch vor der Realität nicht haltgemacht, obwohl vieles komisch oder falsch erscheint, lässt einen die Stringenz der Erzählung immer wieder straucheln, ob da denn nun nicht doch eine Tatsache anstelle einer Fantasie erzählt wird. Diese Stringenz überträgt sich auch auf die Handlung, jeder einzelne, noch so ungestüme Aspekt erscheint im Rahmen der Novelle konsequent.

Albinus demonstriert mit Revolver Christi eindrücklich, warum es schade ist, dass die Novelle als Gattung nicht öfter im Rampenlicht steht. Die Konzentration von Raum, Zeit und Figurenkabinett auf – wie hier – ein einziges Objekt führt zu gelungener Literatur. Anders als andere literarische Debüts versucht sich Albinus nicht in sprachlicher Extravaganz, sondern überlässt ihrer sauber gearbeiteten, vordergründig unspektakulären Sprache die Arbeit. Herausgekommen ist so nicht nur ein packendes, spannendes Werk, sondern auch eines, das durch seine Form und deren schlüssige Umsetzung zu überzeugen weiss.

Dank an Nick Lüthi von BookGazette (das Buch wurde hier auch von Manuela Reichart besprochen)

Im Gespräch mit der edition.fotoTAPETA

Verlagsteam edition.fotoTAPETA

Warum haben Sie sich bei Ihrer Einreichung zur Hotlist für Revolver Christi von Anna Albinus entschieden? Was macht das Besondere der Novelle aus?

Wir haben uns sehr schnell für dieses Buch entschieden, weil es vor allem anderen überraschend ist: überraschend in der Form (die Novelle), überraschend in der literarischen Qualität des Debüts, überraschend in der Differenziertheit der Geschichte mit ihren vielen Zwischenebenen (der theologischen, dem gekonnten Spiel mit dem Krimi-Genre, den harten Fragen nach Gewalt und Glauben und Spektakel) und schließlich der überraschenden Frage am Ende: War das alles wirklich so ernst gemeint? Dazu passt auch der Weg, auf dem die junge Autorin Anna Albinus zur edition.fotoTAPETA gekommen ist: Sie hatte aus unserem Verlag ein Buch des ausgesprochen skurrilen sizilianischen Autors Nino Vetri gelesen (wir haben von ihm drei Titel herausgebracht) – und das war allemal ein guter Grund, einen genauen Blick auf ihren Text zu werfen. Hat sich gelohnt …

Beschreiben Sie Ihren Verlag in drei Worten.

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Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Das Büchermachen / die Buchführung.

Welche unabhängigen Buchhandlungen empfehlen Sie in Berlin?

Die Buchkantine in Moabit.

Die Redaktion morehotlist dankt für das Interview!

  • Anna Albinus: Revolver Christi. Novelle. Berlin: edition.fotoTAPETA 2021. 80 Seiten, gebunden, 13 x 22 cm. 15 Euro.

Dieses Buch in der Lieblingsbuchhandlung kaufen oder hier.

Die Novelle ist für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises nominiert. Wir gratulieren herzlich!

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