María José Ferrada: Kramp / Berenberg Verlag im Gespräch

Ein Vertreter für Eisenwaren der Marke Kramp („Nägel, Fuchsschwänze, Hämmer, Türklinken und Türspione“) macht seine siebenjährige Tochter zu seiner Assistentin und nimmt sie mit auf Verkaufstour. María José Ferrada hat mit Kramp einen ebenso zauberhaft heiteren wie verstörenden Debütroman geschrieben, der jetzt auf Deutsch im Berliner Berenberg Verlag erschienen ist.

Die stets traurige Mutter darf nichts wissen von der ebenso lukrativen wie innigen Vater-Tochter-Arbeitsgemeinschaft. Die Fehlzeiten in der Schule werden mit Kreativität gemeistert. Durch die Anwesenheit des kleinen Mädchens erhöhen sich jedenfalls die Umsätze, denn ihren intensiven Blicken kann kaum ein Kunde widerstehen.

Auf der Bühne eines anderen Lebens hatte ich mir verschiedene Arten zu schauen angeeignet. Ich beherrschte den gleich­gültigen Blick, den sanft melancholischen Blick, den gelangweilten Blick und den verzwei­felten Blick. Und falls keiner davon half, gab es noch den Blick, der erkennen ließ, dass ich kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. Seine Durchschlagskraft war unvergleichlich.

María José Ferrada (Foto © Ignacio De la Cuadra)

Die Kleine ist clever, genießt ihre „Parallelerziehung“ auf der Straße, verhandelt mit ihrem Vater über eine Umsatzbeteiligung und lässt sich gerne auch einmal an einen Kollegen ausleihen, bei dem sie die Tochter seiner verstorbenen Schwester spielt. Auch diese Mitleidsmasche ist erfolgreich. Der Debütroman der versierten chilenischen Kinderbuchautorin María José Ferrada ist geprägt von ihrer eigenen Geschichte, denn ihr Vater war Vertreter und hatte sie ab und zu mitgenommen zu seiner Kundschaft. Eine andere Spur führt zu dem Film Paper Moon (1973) von Peter Bogdanovich. Ihm ist auch das Motto des Romans entnommen. Aber das heitere Roadmovie-Motiv erfährt in Kramp eine düstere Wendung und Grundierung. Die Geschichte spielt Anfang der 1980er-Jahre in Chile. Die Militärjunta ist an der Macht, Menschen verschwinden, politische Gewalt herrscht.

Aus der Perspektive des Kindes lernen wir die Gesetzmäßigkeiten des Vertreterlebens kennen, Tricks und Geschäftsgrundlagen, Hotelzusammenkünfte, Männersorgen. Aber es gibt darüber hinaus den guten Freund, einen Fotografen und Kinovorführer, der Vater und Tochter stets umsonst und mehrmals die großartigsten Filme sehen lässt (die beiden Männer lernen sich über Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum kennen). Dieser mutige Mann hat sich ei­nem besonders gefährlichen Projekt verschrieben: Er verfolgt die Spuren verschwundener Menschen, fotografiert Geister, wie er sagt. Der Vater nimmt ihn oft mit, bringt ihn zu den Orten, an denen er recherchiert. Und irgendwann fallen Schüsse, der Freund kommt nicht zurück, der Vater wird festgenommen, das Mädchen sitzt allein in einem fremden Dorf.
Kunstvoll und ungewöhnlich und ohne große Worte erzählt die Autorin davon, mit welcher Macht Gewalt und Terror in den unbeschwerten Alltag an der Seite eines Hallodri-Vaters einbrechen. Ebenso wie dann Jahre später – die Mutter hat sich neu verheiratet – die Halbwüchsige erkennt, dass das Vertreterleben schäbig und mühsam, der Vater zu einem traurigen Verlierer geworden ist. Die großen Einkaufsketten haben die kleinen Läden verdrängt. Für die in den Augen des Kindes einst strahlenden Verkaufshelden gibt es keine Bühne mehr.

Dank an Manuela Reichart

Im Gespräch mit Heinrich von Berenberg

Verleger Heinrich von Berenberg und María José Ferrada

Warum haben Sie sich bei der Einreichung zur Hotlist für den Roman Kramp von María José Ferrada entschieden? Was macht das Besondere des Buches aus?

Wie kann man Chiles bekanntermaßen dunkle jüngere Vergangenheit aus der Perspektive eines fröhlichen Kindes schildern, das mit seinem als Handelsvertreter reisenden Vater durch die Lande reist, das Rauchen lernt, die Schule schwänzt, mit Geld umzugehen lernt, bis, ja … bis …? Das hat noch niemand mit so lakonisch einfühlsamem Witz erzählt wie diese preisgekrönte Kinderbuchautorin, die hier ihrem ersten Roman geschrieben hat.

Beschreiben Sie Ihren Verlag in drei Worten.

Klein, fein, international.

Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Absolute Freiheit und die geistige 168-Stunden-Woche.

Welche Begegnungen mit Buchmenschen haben Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Bitte meine Newsletter lesen! Es sind so viele, und jeder Einzelne war und ist eine Bereicherung, für die ich dankbar bin.

Was wünschen Sie sich und der Buchwelt für die Zukunft?

Dass Leser nicht zu einer der vielen seltenen, vom Aussterben bedrohten Spezies werden.

Welche Buchhandlung empfehlen Sie?

Ich müsste mindestens 60 Buchhandlungen aufführen, die alle mit Hingabe versuchen, unsere Bücher bekannt zu machen. Stellvertretend: Shakespeare and Company in Berlin.

Die Redaktion morehotlist dankt für das Gespräch!

  • María José Ferrada: Kramp. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berlin: Berenberg Verlag 2021 (Original 2017). 104 Seiten, Halbleinen, 134 × 200 mm. 22 Euro

Dieses Buch in der Lieblingsbuchhandlung kaufen oder hier.

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