Lüthi liest (im September): Abenteuerreisen im Comic

Requiem von Albert Mitringer und Prinz Gigahertz von Lukas Kummer

Ein Held wird gerufen. Der Held macht, was Helden tun, er begibt sich auf die Reise. Die klassische Heldenreise und der Abenteuerroman mögen nicht die vorherrschenden Gattungen und Erzählstrukturen unserer Zeit sein, doch im Comic (und wer sich jetzt angegriffen fühlt, soll doch bitte den Begriff „Graphic Novel“ für sich selbst einsetzen) hatte diese Form immer schon einen besonderen Platz. Umso wichtiger also, da mal wieder etwas genauer hinzuschauen: Im Stuttgarter Zwerchfell Verlag ist in diesem und im letzten Jahr je ein Abenteuercomic erschienen. Beide Werke stammen von jungen Zeichnern und sind Autorencomics, also vom jeweiligen Urheber sowohl gezeichnet als auch geschrieben (und koloriert etc.).

Auf den ersten Blick ist es überraschend, wie sehr sich die Plotstrukturen von Prinz Gigahertz von Lukas Kummer und Requiem von Albert Mitringer ähneln: Jeweils ein Held blickt uns Lesenden entgegen, beide werden sie von einem Dämon verfolgt und befinden sich auf einer einsamen Reise. Und auch von der Erzähltechnik her ähneln sich die Werke, sie erzählen ausgehend von einer Gegenwart, die von Rückblenden unterbrochen wird und so das anfängliche Rätsel um die Helden auflösen, die in beiden Büchern ihre Aufgabe längst angenommen haben. Damit sind die Gemeinsamkeiten aber vorbei. Während der Ritter in Kummers Prinz Gigahertz ganz klassisch die Welt retten will, kämpft Mitringers toter Held in Requiem um sein Seelenheil und befindet sich auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit. Während in einem Werk die kühle schwarz-weisse Meditation regiert, wütet im anderen die Technologie in hölzernen Dialogen und entsättigten Farben.

Es ist äusserst spannend, beiden Autoren bei der Heldenreise und ihrer Neubeanspruchung zuzuschauen. Kummer versucht dies in Prinz Gigahertz mit einem brisanten Setting, in dem er mit Retro-Charme der 80er und Mittelalterästhetik arbeitet und diese Gegensätze bildlich (und auch inhaltlich) zu vermengen sucht. Gerade auf der Bildebene ist das ein anregender Mix, das Braune, Altertümliche des Mittelalters bekommt durch die Vermischung mit moderner Technik einen neuen Dreh. Der Strich Kummers ist sehr klar und direkt, erzielt dadurch klare Abgrenzungen der Bildelemente und ist auch entsprechend (berauschend) koloriert. Das Ganze wirkt kühl und cool (die Pseudo-Tautologie sei mir verziehen) und ebenso futuristisch wie charmant und verspielt. Im Aufbau bleibt die Geschichte aber klassisch, die Hauptfigur verkörpert das Gute und kämpft gegen das Böse, den Dämon. Es gibt eine Prinzessin und eine Welt zu retten. Die Geschichte wird dadurch vorhersehbar und etwas behäbig. Im Besonderen die Dialoge sind dabei oft etwas hölzern:

„Du sammelst Magie?“

„Ich bin Priester. Ich reinige und bewahre die Gaben von der anderen Seite.“

„Kann ich deine Sammlung sehen?“

„Für einen kleinen Obolus darfst du meine Kapelle besuchen und in ihr beten.“

Das Setting und die anregende Bildebene greifen diese Plot- und Dialogschwächen einigermassen auf, Prinz Gigahertz bestätigt aber, was ich bei Autorencomics immer wieder beobachte: bildlich und gestalterisch opulent und herausragend, in den Dialogen und im Plot aber noch ausbaufähig.

In Albert Mitringers Requiem ist es nicht die Technologie, die für seine Heldengeschichte massgebend ist, sondern die Mythologie. Wo Kummer sich an der Science-Fiction orientiert, ist es bei ihm die Fantasy. Im Untertitel heisst es Frei nach dem Original von Humberto Alfonso, wobei frei hier das richtige Stichwort ist, ein entsprechendes Original existiert nur im Kosmos dieses Buches. Mitringer lässt seinen toten Helden im Jenseits erwachen, wo sich der zum Skelett verformte Krieger zurechtfinden muss. Nach kurzer Konfrontation begibt sich auch dieser Held auf die Reise und folgt einer Krähe. Anders als bei Kummer macht Mitringers Held eine Entwicklung durch, die äussere Reise ist zugleich eine Allegorie für die innere Reise des Protagonisten, in der er seine Vergangenheit aufarbeitet. Nebst der Figurenentwicklung ist auch das Spiel mit der klassischen Heldenreise erkennbar: Die Bösen sind nicht grundlos böse, im Gegenteil, im Gespräch sind es oft ziemlich vernünftige Figuren, und auch die Guten sind nicht einfach gut, die Seiten vermischen sich sogar als gemeinsame Ziele entstehen, für die der auszutragende Kampf noch etwas zuwarten kann.

Die Zeichnungen sind, ganz der Gattung angemessen, äusserst opulent, aber ganz in schwarz-weiss gehalten, mit den Rückblenden als farbigen Ausnahmen. Mitringer zeichnet strichorientiert und erzielt dadurch einen relativ hohen Kontrast zwischen den verschiedenen Grautönen. Beeindruckend ist die Bildführung von Mitringer, mit wenig Text und in meist kleinen Panels, verleiht er so seinem skelettalen Helden viel Ausdruckskraft.

Requiem ist sehr viel ruhiger, fast schon meditativ, verglichen mit Prinz Gigahertz. Herrschte dort noch Technofuturismus vor, ist es hier eine spartanische, reduzierte Welt ohne konkrete weltliche Bezüge. Mitringer erzählt eine überraschend vielseitige, introspektive Geschichte über einen Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist, während bei Kummer einfach die Welt gerettet werden muss. Was beiden Autoren jedoch nicht gelingt, ist, der klassischen Heldenreise mehr abzugewinnen als ein tradiertes und ehrlicherweise ziemlich sprödes Weltbild. In Prinz Gigahertz kommen zwar Frauen vor, dies aber ausschliesslich als Prinzessinnen oder anderweitig zu rettendes Instrumentarium. Requiem erzählt ebenso die Reise eines männlichen Helden, einzig ein Ziegendämon und ein kleiner Junge kommen in der Geschichte noch vor, die Auslassung weiblicher Figuren scheint hier trotzdem etwas leichter zu verzeihen.

Vermutlich zeigt sich im Umstand, dass es beiden Autoren kaum gelingt, mit Neuem aufzuwarten, warum es der Abenteuerroman und die Heldenreise schwer haben, dem Genre Überraschendes, Unverbrauchtes abzugewinnen. Wenn sie aber wie hier von so opulenten Bildern begleitet werden, entsteht daraus trotzdem ein zumindest bildliches Neudenken klassischer Plotstrukturen.

Dank an Nick Lüthi von BookGazette

  • Lukas Kummer (Autor und Zeichner): Prinz Gigahertz. High Fantasy. Stuttgart: Zwerchfell Verlag 2020. 120 Seiten, Hardcover. 18 Euro.
  • Albert Mitringer (Autor und Zeichner): Requiem. Philosophische Fantasy. Stuttgart: Zwerchfell Verlag 2021. 186 Seiten, Hardcover. 25 Euro.

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