Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname / Transit Verlag im Gespräch

„[A]rm an Menschen, ärmer noch an Menschlichkeit.“ So schliesst der Autor Anton de Kom den ersten Satz seiner Anklage- und Erinnerungsschrift Wir Sklaven von Suriname ab und greift damit bereits vor, was auf den nächsten Seiten noch folgen wird: Eine Geschichte, die Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in einen ungeheuerlichen Kontrast wirft, weil die eine erwächst, obwohl es kaum möglich erscheint, während die andere immer wieder neue, noch grausamere Züge annehmen wird.

Wir Sklaven von Suriname war lange Zeit verboten, nach der Aufhebung des Verbots war das Buch bereits in Vergessenheit geraten und erst im letzten Jahr wurde es in den Niederlanden wiederentdeckt und erscheint nun erstmals auf Deutsch im Berliner Transit Verlag. Lange hat es also gedauert, bis diese bahnbrechende Schrift sich ihren Weg in ein grösseres Bewusstsein bahnen konnte. De Kom erzählt die Geschichte Surinames mit penibler Detailtreue, weder die unmenschlichen Ungerechtigkeiten noch die genauen Foltermethoden werden ausgespart. Fast jedes Klischee, und ganz sicher jede Grausamkeit, der europäischen Kolonialgeschichte lässt sich in der Geschichte des südamerikanischen Staates finden. De Kom schreibt gewissenhaft, beruft sich oft auf Originalquellen und die darin verschriftlichten Begebenheiten. Duco van Oostrum fasst diese erzählerische Grundhaltung in seinem Nachwort treffend zusammen:

Gleich einem Wahrheitsbeweis kommt de Kom immer wieder darauf zurück, dass sein Buch auf »Fakten« beruhe: »Auch hierfür möchten wir an erster Stelle einige Fakten als Beispiele anführen.«

Trotz dieser Quellenbeflissenheit hat der Text viel literarische Wucht. Stellenweise schon fast poetisch, andernorts wieder mit kühler analytischer Schärfe, aber immer mit der glühenden Feder des Anklagenden: De Kom schreibt als einer der Unterdrückten, in der Sprache und Form der Unterdrücker, und arbeitet sich an seinem „Wahrheitsbeweis“ ab, nur dass damit eben nicht die Existenz Gottes, sondern eher dessen Gegenteil bewiesen werden soll. Das Wir im Titel ist aber ernst zu nehmen, gegen Ende des Buches wird die nacherzählte Geschichte des Landes zu seiner eigenen; de Kom kehrt in sein Heimatland zurück, wird dort inhaftiert und muss Suriname schlussendlich für immer verlassen.

Birgit Erdmann hat den Band aus dem Niederländischen in ein etwas altertümliches, gestelztes Deutsch übertragen und trifft damit genau den Ton, mit dem Anton de Kom geschrieben hat. Besonders gelungen ist Erdmann der Wechsel zwischen den poetischen Passagen und dem verklausulierten Kolonial- und Beamtendeutsch, das sich in den vielen Zitaten und Hinweisen auf die Ereignisse häufig findet.

An Mutter Sranan ist die Geschichte vorübergezogen. […] In bitterster Armut und in jämmerlicher Unwissenheit leben die wilden Stämme inmitten einer Natur, in der der Überfluss ungenutzt verlorengeht.

Bei allen Gräueltaten und aller Ungerechtigkeit, die es zu beklagen gilt und die Anton de Kom akribisch dokumentiert, verfällt der Ton trotzdem nie in Bitterkeit. De Koms Werk liest sich als Botschaft für das Gute, für die Solidarität und für ein neues Miteinander. Oder wie es der Autor selbst zitiert, erträgt er alles mit „Ergebenheit“, ebendieser Geisteshaltung, gegen die alle Gewalt und alle Ungerechtigkeit nie ankommen wird. Gepaart mit seiner analytischen Schärfe erwächst eine Streitschrift, gegen die nur schwer anzukämpfen ist.

Anton de Kom hat genauso gelebt, wie er geschrieben hat. Während des Zweiten Weltkrieges hat er sich dem niederländischen Widerstand angeschlossen. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo ist er 1945 im Konzentrationslager Neuengamme gestorben. Geblieben ist dieses Buch, das zwar viel zu spät entdeckt wurde, dafür aber umso unerbittlicher zu einem europäischen Denken gehören muss. De Kom begegnet der Macht, wie man ihr als Unterdrückter nur begegnen kann: mit messerscharfem Verstand, gegossen in ein ungeheuerliches Buch.

Dank an Nick Lüthi (adaptiert, Originalbeitrag auf BookGazette)

Im Gespräch mit dem Transit Verlag

Gudrun Fröba und Rainer Nitsche © Foto Isolde Ohlbaum 

Warum haben Sie sich bei der Einreichung zur Hotlist für Wir Sklaven von Suriname von Anton de Kom entschieden? Was macht das Besondere des Buches aus?

De Koms Buch ist einer der wichtigsten und ungewöhnlichsten Titel, die wir je gemacht haben. Ein detailgenaues und dabei auch noch spannendes Pamphlet gegen den Kolonialismus, geschrieben von einem sehr begabten, hier bisher völlig unbekannten Autor, dessen Großeltern Sklaven waren und der als politischer Aktivist in den 30er-Jahren verfolgt und aus seinem Heimatland Suriname verbannt wurde, um dann in Holland weiter über die Kolonialgeschichte zu schreiben. Ein oft sarkastischer, zugespitzter Text, immer wieder durchbrochen von literarischen, fast lyrischen Passagen. Dass dieser auch international beachtete Autor sich dann während der Nazi-Besatzungszeit dem holländischen Widerstand anschloss, an die Gestapo verraten wurde und dann in einem deutschen KZ bei Hamburg ums Leben kam, ist eine für deutsche Leser besonders makabre Pointe – und ein Grund mehr, das Buch endlich in deutscher Sprache und bestens übersetzt von Birgit Erdmann zu veröffentlichen.

Beschreiben Sie Ihren Verlag in drei Wörtern.

Frei, dickköpfig, fröhlich.

Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Wir schätzen an unabhängigen Verlegerinnen/ Verlegern ihre professionelle Verrücktheit, ihre Sturheit, ihren oft abgründigen Humor, ihren dezenten Stolz und nicht zuletzt ihre Kollegialität. Etwas pauschal Negatives fällt uns im Moment überhaupt nicht ein.

Welche Begegnungen mit Buchmenschen haben Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Bibliothekarinnen/ Bibliothekare und viele größere und kleinere Buchhandlungen in den Orten, in denen wir gewohnt haben – von Flensburg, Hof, Berlin bis London. Bekanntschaften mit kühnen, meist anarchistischen Miniverlagen, die gleichzeitig auch gedruckt haben. Freundschaften mit großartigen Menschen aus größeren wie kleineren Verlagen. Ebenso enge Freundschaften mit Autorinnen und Autoren, auch solchen, die wir nicht verlegt haben. Und viele Gespräche mit Leserinnen und Lesern auf Messen, Lesereisen etc.

Was wünschen Sie sich und der Buchwelt für die Zukunft?

Trotz härterer Zeiten (Filialisierung, Verdrängungswettbewerb, geringere Resonanz in den Medien etc.) verstärkte Risikobereitschaft, noch mehr Neugierde, noch mehr Selbstbewusstsein, noch mehr Frechheit.

Welche Buchhandlung empfehlen Sie?

Stellvertretend für viele: größere und kleinere, städtische oder ländliche: Die Buchhandlung Lehmkuhl in München, die Buchhandlung Patz in Bienenbüttel (den Ort gibt es wirklich!).

Die Redaktion morehotlist dankt für das Gespräch!

  • Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname. Aus dem Niederländischen übersetzt von Birgit Erdmann. Eine Mischung aus Historiografie, Soziologie, Wirtschaftsgeschichte und Autobiografie. Berlin: Transit Verlag 2021. 224 Seiten, gebunden. 20,00 Euro (DE), 20,60 Euro (AT), 29,30 CHF

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