Safiye Can: Poesie und Pandemie (Wallstein Verlag)

Foto Lohrelei

Liebesschmerz ist immer Liebesschmerz / Hunger ist immer Hunger / Freudentränen sind immer Freuden-tränen / Gelenkschmerzen immer Gelenkschmerzen / Krebs ist immer Krebs / ein Lächeln immer ein Lächeln / Denn: Mensch ist Mensch. / Wir sind eins / wir gehören zusammen.

Safiye Can, Lyrikerin und Dichterin konkreter und visueller Poesie, bringt hier nicht nur psychische und physische Zustände zusammen. Ihre neuen Gedichte Poesie und Pandemie vereinen Nationalitäten, Religionen, betonen das Menschsein an sich. Der Band ist wie ihr begehrter Debütband mit Liebesgedichten Rose und Nachtigall (von 2014, in Neuauflage 2020) und Kinder der verlorenen Gesellschaft im Wallstein Verlag erschienen.

Das Zusammenbringen und -denken gelingt Can sowohl in kleinen Formen visueller Poesie als auch in traditionellen oder experimentellen Gedichten und in Collagen. Gerne spricht sie ihre LeserInnen direkt an, „sei mutig, verträumt“, „lerne von der Natur“, häufig arbeitet sie mit Wiederholungen, die ihren Texten einen besonders eindringlichen Rhythmus geben.

Bei dem Internetprojekt „Wenn du eine Frau bist“ wurden Frauen aufgerufen, sich an diesem Gemeinschaftsgedicht zu beteiligen. Über 150 Frauen steuerten ihre Gedanken bei, Safiye Can formte ein Gedicht daraus, in dem jede Zeile mit den Worten beginnt, die ihm den Titel geben. Diese Art der Auflistung bewirkt eine große Intensität, indem es so viele Formen der Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Ausgrenzung, Unterdrückung und Ausprägungen von Gewalt vor Augen führt, dass ein Entkommen unmöglich erscheint.
Doch Can wäre nicht die mutige Aufklärerin, fände das Gedicht nicht einen unerwarteten Abschluss. Und einen feministischen Weckruf im darauffolgenden Poem.

Das Langgedicht „Poesie und Pandemie“ nimmt ungefähr die Hälfte des Bandes ein. „Wir haben in diesem Jahr gelernt“ ist der häufigste Auftakt einer Strophe. Mit den Abwandlungen „vielleicht gelernt“, „hoffentlich verstanden“, „zu verstehen bekommen“, „hoffentlich und endlich gelernt“ und anderen mehr. So im ersten Teil des Gedichts. Im zweiten herrschen die Sinneseindrücke vor: Es geht um das Hören, Sehen, Erfahren und sehr viel um das Beobachten.

Auf faszinierende Weise verknüpft die Dichterin Alltagserfahrungen wie Händewaschen mit politischen Erkenntnissen zu Massenproduktion und Konsum. Sie zitiert Pressemeldungen, die das Gedicht in der Wirklichkeit verankern und die Erinnerung an bestimmte Vorfälle wachrufen. Sie spricht bestürzende Tatsachen aus: „Wir starben dieses Jahr alleine.“
Jede Strophe führt einen eigenen Gedanken aus, aber auch hier finden sich erneut die Wiederholungen, die dem Gedicht seinen ganz individuellen Sound geben.

Safiye Can blickt zurück, überlegt, wie die Pandemie die Welt und die Menschen verändert hat. Nimmt Aspekte immer wieder auf, verweist damit auf die Tatsache, dass noch nichts abgeschlossen ist. Verweist unermüdlich auch darauf, dass jeder Mensch betroffen ist. Dass jede und jeder „Hauptdarsteller*in in einer Pandemie“ ist, so die letzte Zeile des Gedichts, und „dass der Notstand über Nacht kommt / unangemeldet / plötzlich da ist“. Und jederzeit wiederkommen kann.
Das Gedicht versinkt dabei nicht in Hoffnungslosigkeit. Aber es macht klar, dass es noch viel zu verstehen und viel zu verändern gibt.

Die Dichterin wünscht sich einen Zauberstab, doch hat sie keinen, aber „Ein Blumenmeer soll sich auf jeden von uns entladenladenladen“. Einen Zauberstab hat sie nicht, aber einen Stift. Und ein Meer an Worten.

Dank an Petra Lohrmann

  • Safiye Can: Poesie und Pandemie. Gedichte. Göttingen: Wallstein Verlag 2021. 96 Seiten, gebunden, 12 x 20 cm. 18 Euro

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