Marion Zechner: Bewölkt aber trocken (Leykam Verlag)

Foto Markus Spiske

In eine Sockenkommode gehören Socken, Strümpfe, Dinge solcher Art. Versteckt dort jemand eine Flasche Absolut Vodka, der dann bei Bedarf in eine leere Wasserflasche gefüllt und in der Handtasche mitgetragen wird, stimmt etwas ganz gewaltig nicht im Leben dieses Menschen. Ist er womöglich längst in eine Schieflage geraten. Die Sucht nach Alkohol ist da, wenn es nicht mehr ohne geht. Zur Abhängigkeit gesellt sich die Heimlichtuerei, die Scham, daher: Sockenkommode und andere Strategien. Das kann eine lange Weile gut gehen, die körperlichen und psychischen Symptome beherrscht werden, oder eben auch nicht lange. In Marion Zechners 450-seitigem Debütroman Bewölkt aber trocken aus dem Leykam Verlag ist es ein Hilferuf der Protagonistin Lucia Richter: „Ich kann nicht mehr, Marie“, der die langjährige Freundin auf den Plan ruft. Für diese ist klar, ihre Lucy braucht Hilfe, sofort. Suchtberatung, stationärer Entzug, weg vom strapaziösen Lehrerberuf und raus aus dem erschöpfenden Familienalltag mit Teenagertochter vom Ex und Zweijährigem von Partner Lars.
Überforderung, Gefühlschaos können jede*n treffen, Schwäche ist nicht verwerflich, sondern hat ihre Gründe. Zechner wertet oder verurteilt ihre Figuren nicht, es geht nicht um Schuldzuweisungen oder Versäumnisse, sondern sie lässt zu, sensibel, intuitiv, psychologisch evident. Letztendlich geht es doch um die Frage, was bedeutet die eigene Zeit, die man hat. Was will man von ihr? Und was geschieht, wenn man sie nicht ausreichend zur Verfügung hat? Alkoholismus wird in dem Buch nicht verteufelt, nicht mit Gewaltdarstellungen verknüpft, sondern als ernstzunehmende Krankheit anerkannt, die es zu überwinden gilt.

Das Aufstehen am Morgen, das Tagwerk kosten Lucia alle Kraft, und dann diese Kopfschmerzen. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt, sie spaltet einen Teil von sich ab. Und plappert, was das Zeug hält. Ein glimpflich ausgegangener Autounfall mit ihrem Sohn wirft sie vollends aus der Bahn. Und Lars mit dem Kleinen quasi aus dem Haus.

Dann eben ins Bad. Ein Gesicht im Spiegel. Ich. Bin das nicht (…) Dem Drachen ins Gesicht spucken. Aber sein Gesicht ist mein Gesicht. Nochmal duschen. Was soll das bringen? Als ließe sich Würde so einfach zurückholen. Dich selbst kannst du nicht abwaschen.

Lucy sträubt sich mit Händen und Füßen gegen eine Therapie: „Ich bin seit 35 Jahren mit mir zusammen. Pausenlos. Wenn jemand dieses Leben ändern kann, dann ich.“ Und sie tut es. Mit Beginn des Romans tritt sie ihren dreimonatigen Entzug an. Kompositorisch geschickt legt Zechner nun im Verlauf zwei typografisch unterschiedlich gestaltete Erzählebenen grob über den Zeitraum eines Jahres an: das Vorher und das Jetzt. Die zwei Seiten eines Menschen, Doppelleben. Dialogreich verpackt, sprunghaft werden die Wochen, Monate vor der Einweisung wiedergegeben. Was passiert gegenwärtig in der Klinik, wie ergeht es Lucia dort mit ihren Hochs und Tiefs und dem beinahe Rückfall, ihrer Vergangenheitsbewältigung? Welche bisweilen hochkomische Dynamik entsteht im Setting mit den Therapeutinnen und den anderen Patientinnen und Patienten? Man könnte auch sagen, hier werden unkontrolliertes Suchtverhalten der auf Kontrolle basierenden Tagesstruktur einer Suchtklinik gegenübergestellt. Lucia fragt sich:

Wie haltet ihr das nur aus? Der schöne Absolut. Jetzt würde schon ein kleiner reichen. 2 cl Abstand zwischen die Welt und mich bringen.

Erzählen und Erleben kommen in Bewölkt aber trocken haarscharf zur Deckung, schrittchenweise werden Handlungen und Gespräche, die ironische, oft amüsierte Kommentierung selbiger, monologische Selbstbefragungen und Reflexionen, die vor allem, im Stil eines Tagebuchs mit Datumsangaben aufgezeichnet. Das geht von sprachlich abgehakt und vage konsistent über in einen zunehmend ruhigeren, bildhaften Sprachfluss. Das Offenherzige der Erzählerin macht sie beim Lesen in hohem Maße nahbar und authentisch.
Marion Zechner hat mit Lucia eine dünnhäutige Frauenfigur geschaffen – „Lucy und Alkoholikerin, Lucy, aber glücklich“ –, die schlingert, bricht und kämpft. Sie kämpft um sich, ihr Leben, persönliche Freiheit, die Liebe und die Liebsten. So vergehen auch die längsten drei Monate und ein virtuoses Debüt.

Der Leykam Verlag ist übrigens mit über 400 Jahren Verlagsgeschichte (gegründet 1585) ein Urgestein und ältester Verlag Österreichs, sein aktuelles Literaturprogramm aufregend frisch und unbequem.

Senta Wagner

  • Marion Zechner: Bewölkt aber trocken. Graz/Wien: Leykam Verlag 2021. 456 Seiten, Hardcover. 130 x 205 mm. 22 Euro.

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