Lydia Steinbacher: Schalenmenschen (Septime Verlag)

In Schalenmenschen leuchtet Lydia Steinbacher in zwanzig Erzählungen Zustände des Menschen aus. Die Last des Alleinseins ebenso wie Begegnungen, manche davon weit zurückliegend und unversehens wieder auftauchend. Auch die Natur spielt eine Rolle, Tiere oder ein besonderer Baum. Sie beschreibt Wendungen im Leben, sie spart den Tod nicht aus. Steinbacher zeichnet Porträts, die berühren. Der geglückte Band ist aktuell im Septime Verlag erschienen, der schon das ganze Jahr freudig sein zehnjähriges Verlagsbestehen feiert.

Die Geschichte mit dem unverfänglichen Titel „Nieselregen“ erzählt von zwei Geschwistern, die im Zug sitzen und in die Hauptstadt fahren. „Niemand wird sie dort finden. Seit das Mädchen ihren Körper wieder nur für sich allein haben will, hat es viele Feinde, zu viele.“ Achtzehn Jahre alt ist die Schwester, die namenlos bleibt, die sich verkauft, um den jüngeren Bruder durchzubringen. Nun bringt sie ihn mit dem Versprechen, ihn bald wieder abzuholen, in ein Waisenhaus. Doch sie kann ihrer Vergangenheit nicht entfliehen, ob sie ihr Versprechen wahrmachen kann, bleibt offen.

„Die letzte Partie“ erzählt von Ivan, der nach vielen Jahren ins Elternhaus zurückkommt, der Vater ist gestorben. Doch weniger diesem, als vielmehr Ludwig, dem Freund aus früher Jugend, gelten seine Erinnerungen, hervorgerufen durch Schachfiguren, die er auf dem Dachboden findet. „Fast alle Gefühle, deren ein Mensch fähig ist, hat Ivan in ihrer stärksten Ausprägung mit seinem damaligen besten Freund erlebt.“ Die Mutter beobachtete eine Szene, in der sich die beiden Jungen ihrer Meinung nach zu nahekamen – ihre Reaktion war extrem heftig, extrem überzogen. Nun sitzt sie als alte Frau vor ihm, „noch fremder, weil sie etwas Schwächliches an sich hat“.

Lydia Steinbacher versteht es, in ihren Erzählungen tiefe Gefühle auszuloten. Ihre Figuren werden dabei nicht selten in Situationen gebracht, die schönste Erinnerungen mit schrecklichsten verbinden, Hoffnung und Verzweiflung einander ganz nahe rücken. So auch in „Die Insel der Verlorengegangenen“, in der ein psychisch angeschlagener Vater von seiner Tochter auf besagter Insel besucht wird. Sie möchte „einen Mitnachhause-Antrag“ stellen. Zunächst. Dann besinnt sie sich anders. Was nicht bedeutet, dass sie nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte.

Die letzte Geschichte, „Reseden im Verblühen“, erzählt von einer verlorenen, verblühten, der Zeit anheimgefallenen Liebe. Die Ich-Erzählerin geht auf einen Friedhof, sie fragt sich:

Wo ist die Zeit geblieben? … Moos wächst aus den Ritzen meines Lebens. Ich fasse in meine Manteltasche und fühle die Kastanie. An genau der Stelle, wo die eisernen Vögel gesessen sind, platziere ich sie, sollen sie doch alles mitnehmen! Egal, welchen Weg ich gehe, ich werde nicht ankommen, jener Ort hat nur einen erfundenen Namen.

Sie versuchen, sich aus ihrer Schale zu lösen, die Figuren in Lydia Steinbachers Erzählungen, oder sie versuchen, sich eine schützende Schale überzuziehen. Die junge Autorin (geb. 1993) findet dafür poetische Bilder und feine Beschreibungen. Wendungen wie „durch die großen Fenster ohne Vorgänge lässt das Mondlicht sich ins Zimmer fallen wie ein müder Geist“ bereichern die Texte, geben ihnen Tiefe, prägen sich ein. Ein sehr schöner erster Erzählband.

Petra Lohrmann

 

  • Lydia Steinbacher: Schalenmenschen. Wien: Septime Verlag, 2019. 216 Seiten, gebunden. 19,40 Euro. Auch als E-Book.

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