Tatiana Țîbuleac: Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte / Schöffling & Co. im Gespräch

Tatiana Țîbuleacs Debütroman Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte, erschienen im Frühjahr 2021 bei Schöffling & Co., beginnt sehr aggressiv. Der Hauptakteur Aleksy, dessen Geschichte in dem Buch beschrieben wird, hasst seine Mutter. Sie war es, die ihn nicht beachtet hat. Sie war es, die ihn in ein Internat steckte, da er geistig krank war, sie war es, die ihm nicht helfen konnte und wollte, als es ihm nicht gut ging. Doch warum dieser Hass auf eine Person? Diese krankhafte Fixierung auf das Äußere und dieses Niedermachen aller Eigenschaften, die diese Person mit sich bringt? Was ist im Leben von Aleksy passiert, dass er so schlecht von seiner Mutter redet? Auf viele dieser Fragen liefert die Geschichte eine schmerzvolle und sehr deprimierende Antwort.

An dem Morgen, an dem ich sie mehr hasste als je zuvor, hatte Mutter ihr neununddreißigstes Jahr vollendet. Sie war klein und dick, dumm und hässlich. Die nutzloseste Mutter, die es je gab. Durch das Fenster sah ich sie wie eine Bettlerin am Schultor stehen. Sie umzubringen war mir gerade mal einen halben Gedanken wert.

Auf diesen ersten Seiten entscheidet sich schon, ob man das Buch der aus Chișinău stammenden Autorin weiterlesen möchte. Möglicherweise schreckt der heftige Ton Leser*innen zu Beginn ab und lässt sie das Buch abbrechen. Doch dann bemerken sie nicht die schleichende Metamorphose des Textes, die den eingangs polternden jungen Mann reifen lässt. Ihnen entgeht ein Text, der eine erstaunliche Wandlung vollzieht, der seine raue Schale ablegt, unter der etwas Schönes und zugleich Tieftrauriges zum Vorschein kommt. Dazu braucht es einen Sommer mit der todkranken Mutter, die noch ein bisschen Zeit mit ihrem Sohn Aleksy erleben möchte und ihm etwas zu sagen hat, bevor sie stirbt. Aber nicht das, was sie ihm sagen will, wird ihn verändert aus dem Sommer entlassen, sondern die gemeinsame Zeit mit ihr, mit dem Dorf, in dem sie wohnen, und all den Unternehmungen, für die ihnen noch Zeit geblieben ist.

Tatiana Țîbuleac (Foto © Natalia Rusu)

Nach und nach schält sich heraus, dass der Roman aus einer nicht näher spezifizierten Gegenwart mit Blick in die Vergangenheit gerichtet ist. Von dem Moment an, in dem das offenbart wird, vollzieht der Text seine Wandlung, erleben wir Aleksy als verletzlichen Mann, dem oft in seinem Leben übel mitgespielt wurde und einmal so groß, dass es sein Leben komplett umgekrempelt hat und wir damit den Hass auf seine Mutter besser verstehen. Wir erfahren, dass Aleksy ein sehr erfolgreicher Maler geworden ist, er somit seine Krankheit, die anscheinend nervlicher Natur ist, in den Griff bekommen hat und sie in seinen Gemälden verarbeitet. Doch war es auch diese Krankheit, die ihm eine Kindheit und Jugend in einem Internat eingebrockt hat. Zum einen, weil seine Mutter nicht für ihn da sein konnte, da sie selber über einen Verlust in der eigenen Familie nicht hinwegkam, und der Vater die Familie verlassen hat. Zum anderen, weil Aleksy viele Menschen in seinem Umfeld verletzt hat und mehr und mehr der Kontrolle seiner Mutter und Großmutter entglitten ist. Somit schien der einzige Ausweg, ihn in eine Heilanstalt/Internat zu schicken, wo er zur Ruhe kommen sollte. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihn seine Mutter abholt und einen Sommer mit ihm auf dem Land verbringen will. Von seiner Mutter, die er über alles hasst und der er den Tod an den Hals wünscht, und so zögert er das Unvermeidliche immer mehr in die hinaus. Zu diesem Zeitpunkt empfindet Aleksy seine Mutter als hässlich und sagt ihr das auch in einem überbordenden Schwall an Schimpfwörtern, eines schlimmer als das andere. Er findet nur eine Sache an ihr schön – ihre grünen Augen! Doch der Krebs, der in der Mutter wächst, wird diese Sicht komplett verändern.

Was macht dieses Buch nun so besonders? Es ist die Wärme, die vor allem von der Mutter ausgeht, die sie zwar spät, aber in diesem einen Sommer aussendet. Und ist es nicht so, dass genau so eine mütterliche Wärme jede harte Schale zum Schmelzen bringen würde? Genau das passiert auch hier und wird wunderbar durch den Text übertragen. Zuerst ist da nur das Harte und Unbarmherzige, was immer mehr abgelöst wird von Liebe und Barmherzigkeit, vermittelt durch die gewählten Wörter, die zunehmend weicher und melancholischer werden, desto näher man dem Ende des Sommers kommt.
Es ist ein Buch, dass die Erinnerungen an einen Sommer voller Hoffnung und Freude aufleben lässt. Bei Aleksy und auch bei uns Leser*innen. Es geht um das menschliche Miteinander und Versöhnung mit der Vergangenheit.

Dank an Marc Richter von We read Indie

Im Gespräch mit dem Verlag Schöffling & Co.

Warum haben Sie sich bei Ihrer Einreichung zur Hotlist für Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte von Tatiana Țîbuleac entschieden? Was macht das Besondere des Romans aus?

Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte hat uns als Roman über eine Mutter-Sohn-Beziehung begeistert. Der siebzehnjährige Aleksy lehnt die ganze Welt ab und leidet unter seelischen Verletzungen, deren Ursachen erst in der Soge um die kranke Mutter allmählich wieder in seine Erinnerung rücken. Es ist ein Roman über schwierige Versöhnung, der niemals ins Klischee abgleitet, sondern die Balance zwischen Härte und Zartheit, zwischen Protest und Annäherung wahrt und unvergessliche Charaktere erschafft.

Beschreiben Sie Ihren Verlag in drei Worten.

Schöffling & Co. brennt seit 27 Jahren für Literatur von ganz besonderen Stimmen der Gegenwart, und unser Motto lautet: Im Mittelpunkt die Autoren!

Was schätzen Sie am unabhängigen Verlegen am meisten, was am wenigsten?

Als unabhängiger Verlag können wir genau die Bücher veröffentlichen, die uns selbst überzeugen und begeistern und für die wir möglichst viele Leser*innen finden wollen. 

Welche Begegnungen mit Buchmenschen haben Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Tatiana Țîbuleacs Übersetzer Ernest Wichner ist ein Buchmensch, der uns besonders beeindruckt, weil er als langjähriger Leiter des Berliner Literaturhauses vielfältige Begegnungen mit Literatur aus aller Welt ermöglicht hat, weil er unfassbar viele Bücher einfühlsam aus dem Rumänischen übersetzt hat und immer neue Stimmen entdeckt und weil er außerdem selbst Gedichte schreibt. 

Welche unabhängigen Buchhandlungen empfehlen Sie?

Als unabhängiger Verlag in Frankfurt am Main haben wir natürlich vor Ort jede Menge Lieblingsbuchhandlungen, aber wir sind vor allem froh, dass sich der unabhängige Buchhandel in Deutschland während der Pandemie so wacker geschlagen hat und mit uns zusammen für literarische Vielfalt und besondere Bücher stark macht.

Die Redaktion morehotlist dankt für das Interview!

  • Tatiana Țîbuleac: Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. 192 Seiten, gebunden. 22,70 Euro. E-Book 17,99 Euro.

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